Full Metal Village

von JonesKorn am 2. Juni 2007

in Film ab!

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Drehort Wacken, ein Film über das Festival „Wacken Open Air“? Nein, so die deutliche Antwort. Nein, trotzdem der Titel des Films dies vermuten lässt. Aber bereits der Untertitel „Ein Heimatfilm“ lässt erahnen, dass es sich hier um einen Film über das Dorf Wacken handelt, was auch von der aus Süd-Korea stammenden Regisseurin Sung Hyung Cho unterstrichen und betont wird.

Anhand mehrerer „Einzelschicksale“ berichtet dieser Dokumentarfilm über das Leben der nicht einmal 2000 Einwohner dieses kleinen Dorfes in Schleswig-Holstein. Folgender Satz raunte mehrfach durch das Kino: „Da ist das Leben wirklich noch in Ordnung.“ Und genau das habe ich auch so empfunden. Der Bezug zum Open Air wird dabei ganz langsam über das Miteinander dieser Menschen mit der Veranstaltung hergestellt. Wie empfinden die Bewohner den Einfall der Massen und wie denken sie über die Besucher? Das Spektrum reicht von Furcht und den schlimmsten Vorstellungen von Satanismus inklusive blutigen Riten zu Mitternacht über das Empfinden von Weltoffenheit, Friedlichkeit und Liberalismus bis hin zum progressiven geschäftsdenken, mit dem Profit aus dem Festival geschlagen werden kann. Das Dorf ist zwar klein, aber dennoch spiegeln sich hier fast alle Facetten der deutschen Gesellschaft wieder, das wird schnell deutlich.

Immer mal wieder gibt es Schnitte, durch die der Zuschauer an das Festival erinnert wird. Mal rollt in einer aberwitzigen Szene ein Laster mit Reihen von Toilettenhäuschen durch die leere Wackener Dorfstraße, mal beobachten wir die Bühnenarbeiter beim Aufbau. Und nach einem kurzen Augenblick schwenkt die Kamera wieder zurück zu einem der eigentlichen Protagonisten. Dieser Aufbau ist spiralenartig, die Szenen steigern sich dabei immer weiter in die Veranstaltung hinein und finden schließlich ihren Höhepunkt in längeren Szenen vom Einfall der Massen – das Dorf wirkt auf den Schlag wie verwandelt – sowie Bilder vom Festival selber (all die Schlammszenen sind aus 2005).

Die Festivalveranstalter selbst kommen nicht zu Wort. Allerdings gelingt es ansprechend, in die Gefühlswelt eines Aussteigers aus dem Veranstalterteam hineingeführt zu werden, der heute arbeitslos die Zeit in der Garage an seinem Motorrad schraubend verbringt und sich selbst einredet, dass seine Entscheidung auszusteigen richtig war. Insgesamt ein rundes Bild vom Dorf, definitiv kein Werbefilm für das Open Air und durchaus ein Familienfilm. Allerdings ist er geeignet auch ein bisschen Aufklärungsarbeit zu leisten: der Metalhead an sich will auch seinen Spaß haben und er schlachtet dafür keine Hühner. Einzig die Szene von Kreators albernem Auftritt („Are you ready to kill each other?“) hätte man sich verkneifen können; aber auch das gehört schließlichirgendwie dazu.

Ein durchaus empfehlenswerter und allen voran auch witziger Film (ich habe lange nicht mehr so oft und lange im Kino gelacht), der 2007 dann auch mit dem Max-Ophüls-Preis 2007 ausgezeichnet wurde.

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{ 3 Kommentare… read them below or add one }

1 Sterereo Juni 3, 2007 um 12:09 Uhr

Ich hab von dem Film gelesen und fand die Idee total spannend. Allerdings wusste ich auch nicht, was genau ich davon halten sollte. Ein Film über das Dorf Wacken? Ein (Werbe)Film für ein riesen Metal-Event? Du hast da etwas Licht uns Dunkel gebracht und ich hoffe, dass mir der Streifen bald unter die Augen kommt.

2 JonesKorn Juni 3, 2007 um 14:09 Uhr

Freut, mich auch etwas „Aufklärungsarbeit“ geleistet zu haben 😉

3 JonesKorn Juni 3, 2007 um 14:12 Uhr

Ergänzung: der läuft u.a. derzeit in der Kamera in Bielefeld um 18:00 und 20:00 Uhr.

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