Estuar – Felicium

von am 15. Oktober 2009

in Musik!

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Manchmal geht man in den Laden und kauft einen Gegenstand, auf dessen Verpackung ganz was anderes steht, als der Inhalt zu bieten hat. „Felicium“ könnte so ein Gegenstand sein, denn wo draufsteht: „Wechselstrom-Ladyshaver, den eine fünfköpfige, rauchende Western-Puffmutter als Mikrophon benutzt“ sollte der nun mal auch drin sein. Man erwartet eine bitchige Kills-/PJ Harvey/Juliette Lewis-Variante auf Country und Western. Es kommt anders als man denkt. Aber nur bedingt besser. Das vorliegende Album hört mehr auf seinen Nachnamen ‚Pop‘, als auf den Vornamen ‚Indie‘. Die selbstgewählte Bezeichnung ihrer Musik ist ‚Shycore‘, und wie es immer so ist mit künstlich definierten Begriffen, kann man häufig nicht viel damit anfangen, wenn die Vergleichsvarianten fehlen. Wie eine Kreuzung aus Belle And Sebastian, Stereolab und Pizzicato 5 durchforsten die fünf Hamburger mit Countrygitarren, Schlagzeug, Bass, Akkordion, und Mundharmonika ein weites musikalisches Maisfeld, das im Radio eigentlich mit ganz anderen Gegenständen beackert wird. „Locate The Fire“ ist beispielsweise ein klassischer Gitarrenrocksong, der sowohl durch die Instrumentierung, als auch durch den sirenenhaften Hintergrundgesang quasi mystifiziert wird. Bemerkenswert ist die leichte Ungezwungenheit, die alle Songs, ob schnell oder langsam, zu gefühlten Midtempo-Nummern macht. Estuar ist keine Band der Extreme, es gibt kaum Gegensätze, an denen man sich stoßen kann. Dafür gibt es aber auch kaum Ecken und Kanten, die man erst nach mehrfachem Hören lieben lernt. Der Planwagen bleibt konstant auf der Mitte des Weges und schwenkt nur minimal nach links oder rechts aus. Trotz einiger Arty-Farty-Ambitionen bezüglich Musik und Gestaltung hat das ganze Projekt etwas Nostalgisch-Naturbelassenes. Auch wenn sich Helena de Pablos betont Mühe gibt eine gewisse Anrüchigkeit in den Gesang zu legen, bleibt eine latent-verspielte Unschuld, als wenn das Landmädchen das erste Mal vor dem Spiegel posiert – selbst das auf französisch gesungene „La Folie De La Vie“, das eigentlich vor Erotik bersten sollte, klingt eigentümlich profillos und mehr nach Easy Listening als es dem Song gut tut. „Fury“ geht dann schon eher in die Richtung des versprochenen Ladyshavers, der sich allerdings nicht ganz entscheiden kann, ob er nun ein messerscharfer Nass- oder ein verhalten brummender Rasierapparat sein will. Übers ganze Album hinaus gelingt es Estuar nicht die Schnittstelle zwischen Westernsaloon und Indie-Chanson komplett spannend zu halten. Nicht schlecht, aber das machen andere besser. Daher ein Quäntchen mehr Schärfe bitte!

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