Edwyn Collins – Stadtgarten Köln, 21.02.11

von Claudi Yeah am 24. Februar 2011

in Feierlichkeiten

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Edwyn Collins, das war für mich bisher lediglich „A Girl Like You“ der ziemlich plattgedudelte Radiosong aus dem Jahr 1995. Ich wusste, er war Sänger der 1985 aufgelösten Post-Punk-Band Orange Juice, aber weitergehendes Interesse meinerseits an Edwyn Collins bestand nicht. Bis zum vergangenen Dezember…

Da besuchte ich den Bowlie 2, ein von Belle and Sebastian kuratiertes Festival der Konzertinstitution „All Tomorrow’s Party“ im englischen Ferienresort Butlins in Minehead, dessen auftretende Bands zu ca. 80% aus Schotten bestanden, so auch der aus Edinburgh stammende Edwyn Collins.

Aus unbedarfter Neugier und weil damals zu dem Zeitpunkt nichts, meiner Meinung nach, besseres kam, schaute ich mir Edwyns Auftritt an. Ich wusste nichts von dem Schlaganfall, den der Musiker vor sechs Jahren erlitten hatte, nichts davon, dass er seine Texte anschließend neu lernen musste, nichts davon, dass das Konzert im Kölner Stadtgarten, ebenfalls für Anfang Dezember geplant, verschoben werden musste. Aber so darf ich ein zweites Mal erleben, wie sympathisch und souverän, der mittlerweile im Sitzen agierende Edwyn Collins das Publikum auf seine Seite zieht, ohne dabei eine Spur von Mitleid erhaschen zu wollen.

Um kurz nach 20:30 Uhr betrete ich den Konzertsaal des Kölner Stadtgartens, die Vorband hat bereits angefangen. Pünktlich startende Konzerte, seit wann gibt es das denn?

Support ist nicht, wie angekündigt Boz Boorer, Gitarrist von Morrissey, sondern The Kinbeats, vier Anfang Zwanziger, die von Deutschland nach London gezogen sind, und dort, nach eigener Aussage „eine große Nummer sind“ – nun ja, fünf Hörer bei Last.fm sprechen eine andere Sprache. Musikalisch und optisch eine sehr softe Variante von The Kooks und weder in Ohr noch Auge haften bleibend.

Nach ca. 30 Minuten und einer kurzen Umbaupause betritt Edwyn Collins’ Begleitband, fünf Originale zwischen 25 und Ende 40, die Bühne, bevor der Sänger, mit Hilfe seines Stockes, die rechte Körperhälfte ist zum Teil noch immer gelähmt, hinzukommt und auf der Verstärkerbox am vorderen Bühnenrand Platz nimmt. Ein Notenständer zur weiteren Unterstützung neben ihm.

Knappe eineinhalb Stunden gibt es überwiegend alte Songs aus Zeiten von Orange Juice sowie vom 2010er Album „Losing Sleep“. Collins, dessen Stimme mittlerweile nicht mehr ganz an das vibratohafte Timbre von früher heranreicht, kommuniziert zunächst wenig mit dem Publikum, er sagt lediglich mit kurzen Erklärungen die jeweiligen Lieder an. In der zweiten Konzerthälfte wirkt er etwas gelöster. So bedauert er zum Beispiel, dass Ryan Jarman von The Cribs, der ihn auf seinem aktuellen Album sowie bei oben erwähntem Konzert in England („What Is My Role?“) unterstützt hat, an dem Abend nicht zugegen sein könne, aber sein junger Bassist schließlich auch zu Singen in der Lage sei. Recht hat er. Ähnlich verhält es sich bei der Ankündigung von „Do It Again“, das Collins sonst im Duett mit Franz Ferdinand-Frontmann Alex Kapranos singt und dessen Part in Köln leider der sehr unattitüdenhaften und leise agierende Gitarristen übernimmt.

Das reguläre Set wird mit „A Girl Like You“ beendet, das für mich durch Edwyn Collins Liveauftritte tatsächlich eine Menge hinzugewonnen hat, für das Abschlusslied stellt er sich sogar extra hin.

Die erste Zugabe bestreitet Edwyn nur in Begleitung einer Akustikgitarre, er selbst spielt in den Singpausen Mundharmonika, bevor ein unerwartetes Highlight passiert. Nahezu unbemerkt schleicht sich ein blasser Teenager in Karojacke mit Fellkragen, aus dem noch die Kopfhörer des Mp3-Players baumeln, auf die Bühne. Etwas unbeteiligt, dennoch um absolute Wahrung seiner Coolness bemüht, taumelt er hinter einem Mikrofonständer hin und her. Allgemeine Ratlosigkeit, wer der junge Mann nur sein möge, macht sich breit. Aber eigentlich gibt es hierfür nur eine Auflösung: Edwyn Collins wird bei „In Your Eyes“ von seinem mit völliger Konzentration und Inbrunst singenden Sohn William unterstützt.

Gegen 22:30 Uhr verabschiedet er sein im Schnitt eher älteres Publikum winkend und lachend in den Abend, eine zufriedene Atmosphäre umgibt den sich leerenden Saal. Ein Konzert von Edwyn für Edwyn, es kostet ihn Mühe auf der Bühne zu stehen, aber er hat sich, seinen Fans und auch den anderen, wie mir, bewiesen, er kann es definitiv, auf seine ganz eigene herzliche Art und Weise.

Setlist:

01: Losing sleep

02: Dying day

03: What presence!?

04: Make me feel again

05: Consolation prize

06: It dawns on me

07: Wheels of love

08: Home again

09: Humble

10: What is my role?

11: Rip it up

12: Falling and laughing

13: Do it again

14: Don’t shilly shally

15: A girl like you

Zugaben:

16: Searching for the truth

17: In your eyes

18: Blue boy

Foto: myspace.com/wwwmyspacecomedwyncollins

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{ 1 Kommentar… read it below or add one }

1 otic Februar 24, 2011 um 17:01 Uhr

Ganz großer Mann! Schönes Live-Review.

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