Do Make Say Think – Forum Bielefeld 15.11.2009

von Benjamin am 18. November 2009

in Feierlichkeiten

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Die Post-Rock-Community schrumpft. Als ich vor 7 Jahren Do Make Say Think zusammen mit Berg Sans Nipple in Hamburg gesehen habe, konnte man dort zwar bequem stehen, es war aber trotzdem gut gefüllt. Ich glaube irgendwann zwischen 2002 und 2009 gab es ausgefülltere Post-Rock-Konzerte, die Hochzeit habe ich wohl verpasst. Auf jeden Fall waren im Forum heute Abend vielleicht 70 Zuschauer anwesend, worüber ich mich wirklich wundere. Dabei war das Aufgebot des Abends mehr als mannigfaltig, es war geradezu gnadenlos abwechlsungsreich. Do Make Say Think traten in drei verschiedenen Varianten auf: einmal als The Happiness Project, einmal als Years und dann als Do Make Say Think. The Happiness Project ist der Versuch Interviews zu vertonen, wobei die Sprache in Rhythmus und Tonhöhe auf verschiedene Instrumente übertragen wird, einmal führt das Saxophon, dann das Klavier, dann die Gitarre und so weiter. Years klingt Do Make Say Think sehr ähnlich, wobei ein Teil der Musik nur aus gezupften gelayerten Gitarren besteht. Constellation Records hält mit einigen Bands noch die klassische Post-Rock-Vision am Leben, wobei es hier an der Zeit wäre, einmal den Unterschied zwischen Instrumental-Rock und Post-Rock zu untersuchen; aber rechnet es euch selbst aus, es gibt nicht allzu viele Unbekannte in dieser Gleichung. Auf jeden Fall stehen die insgesamt neun Mitglieder des Moutique Ensembles drei Stunden lang in unterschiedlichen Konstellationen auf der Bühne. Die Müdigkeit nach einem Monat touren merkt man ihnen auch ein wenig an, sie sind allesamt ein klein wenig ausgelaugt, spielen sich aber an diesem Abend trotzdem den Arsch ab, auch vor so wenigen Leuten. The Happiness Project sind äußerst interessant, mit dieser Wertlegung auf die Sprache von Menschen, die gar nicht anwesend sind. Alle lauschen den deutlich vernehmbaren Samples einhellig und warten auf die Umsetzung durch Instrumente. Das ist nicht nur eine gute Idee, es klingt auch noch toll, so als hätte man einen neuen interessanten Weg der Gründe für das Auswählen von Ton- und Akkordfolgen gefunden, der so nahe liegt, aber doch so selten beschritten wurde. Sprache und Sound fließen hier zusammen, und gerade beim Post-Rock wo der Gesang eigentlich nur abwesend ist, wirkt das dopppelt geistreich. Years ist interessantes Gitarrenspiel, und wo die Gitarre an anderen Stellen im Rock für nicht mehr als die Rotznäsigkeit der sie spielenden Bengels herhalten muss, wird sie hier noch einmal neu zelebriert. So als wollte man sagen: gut 50 Jahre Rock und noch immer nicht alles gespielt. Keine Band lässt sich so NICHT von den verlockenden Laut-Leise-Spannungsbögen überlisten wie Do Make Say Think. Es ist die einzige Band, die es schafft, eine Gratwanderung dreidimensional wirken zu lassen. Hier sind Gitarren, laut und verzerrt, aber es ist kein Hard Rock oder Metal, hier sind zwei Schlagzeuge und manchmal zwei Bassgitarren am Werk, aber es ist kein verkopfter Prog, der alles verknotet. Hier gibt es Bläser und eine Geige, aber es ist kein Ska oder schon gar kein Calexico-Abklatsch. Hier ist man sich bewusst, dass man sich schnell in Spielereien und Jammereien verlieren kann, wenn man zu neunt auf der Bühne steht; wie soll man sich bei so viel Personal und so verschiedenen Instrumenten denn nicht auf etwas einfaches einigen, damit überhaupt etwas zustande kommt? Das aber geschieht niemals bei Do Make Say Think, jeder Song ist eine komplexe Idee und Struktur. Aber eins wird an diesem Abend ganz klar: die Melodien der Gitarren sind das bestimmende Element der Musik von Do Make Say Think, sie liegen ganz nah beim ebenfalls bestimmenden Rhythmus durch die zwei Schlagzeuger, und man merkt, dass die Bläser dem Ganzen dann abschließend einen Raum geben, den Gedankenstrich zu einer Klammer machen, die irgendwann auch die Forum-Zuschauer umarmt. Das Oszillierende ist immer wieder in allen Songs dominant, hin und her schwingen zwischen Akkorden, Tönen, aber immer abgesteckt und kontrolliert, niemals einfach herausgeschossen. Trotzdem bleibt immer ein Moment des Zufalls vorhanden, der ist dann in/dem Explodieren vorbehalten. Aber verwaschen klingen Do Make Say Think den ganzen Abend über nicht ein einziges Mal, alles ist gleichmäßig wahrnehmbar, was nach vorne treten soll, tut es, was verschwinden soll, verschwindet, bleibt aber Teil des Gesamtsounds. Alle, die diesen Abend verpasst haben, werden nun erst einmal nicht erfahren, was es heißt, nach dem Rock noch Rock zu machen, und zwar guten.

Bild: myspace.com/domakesaythink

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