Devastations – Yes, U

von am 3. November 2007

in Musik!

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Drittes Album, dritter zeitloser Klassiker.

Die Australier orientierten sich nie am Tagesgeschehen, ihre Wurzeln beginnen auf ihrem Heimatkontinent und erstrecken sich über Europa bis nach Amerika. Ungeschminkt-spröder Folk wird mit Rock’n’Roll-Elementen vereinigt, vorgetragen mit abgründiger Stilsicherheit. Black ist immer noch beautiful, und das wird sich so bald auch nicht ändern.

Beschreibungen der Vorgängeralben konnten nicht ohne Verweise auf Nick Cave & BIRTHDAY PARTY auskommen, was neben aller Morbidität auch an der tief-rauchigen Stimme Conrad Standish’s lag. Sich an den Meistern ihrer Klasse zu orientieren, konnte so falsch nicht sein, sorgte aber, trotz aller Eigenständigkeit, im Abgang für einen leichten Nachhall in Richtung Tributband.

Melbourne, Berlin, London: Sie sind mittlerweile viel herumgekommen, haben die Einflüsse ihrer Umgebung aufgesogen, und spiegeln sie – vielfältiger denn je – in ihrer Musik wieder.

Man sich mittlerweile mehr als emanzipiert, „Yes, U“ ist ein unumstrittenes Meisterwerk geworden, ein edler Verschnitt, der aus traditionellen, absolut edlen Weinen, der allein durch seine Intensität etwas völlig neues kreiert. Die kaputte Morbidität von BIRTHDAY PARTY verbindet sich mit der einsamen Tragik Roy Orbisons, und es entsteht ein psychotischer, selbstzerstörerischer Drogenrausch, immer kurz vorm endgültigen Aus. Kurz bevor man in der Gosse landet, schafft man die Kurve so gerade noch – es wird, trotz aller Verzweiflung, Haltung bewahrt.

Dylan (dessen „Tomorrow Is A Long Time“ man auf einer 7″ covert), Hazlewood, Gainsbourg, Reed: Alle werden sie zitiert und zu Rate gezogen. Sie bewahren uns als erfahrene Künstlerväter vor dem unwiderruflichen Absturz in die Depression

Man betrinkt sich zwar bis in die Nähe der Bewußtlosigkeit, aber findet mit Hilfe seiner Paten, den Weg zurück ins Leben. Media vita in morte sumus: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“ kommt einen in den Sinn, aber nicht in der ursprünglich christlichen Bedeutung, sondern als Leidenschaft und Faszination. Als Grenzerfahrung, die uns verändert, und den Alltag so klein und unbedeutend erscheinen lässt, dass man einfach nicht anders kann, als sich dem Rausch hinzugeben, um das Gesehene zu verarbeiten.

Der konsequente Wandel am Abgrund – ein Fuß droht ständig abzurutschen, während der andere fest auf dem Boden steht – verursacht durch seine Zerrissenheit eine zuweilen fast unerträgliche Spannung, die nicht anders kann, als sich in lauten Gitarrenfeedbacks abzureagieren. Alles andere würde in die Katastrophe führen.

Man sitzt mit einer Lady beim Dinner im Kerzenlicht. Es wird so getan, als würde man gepflegte Konversation betreiben, während die Situation dermaßen spürbar sexuell aufgeladen ist, dass die Gabel in der Hand vor Erregung zittert. Beim Digestif, einem schweren, tiefdunkelroten Portwein, können sich beide nicht mehr zurückhalten. Die angestrengte Maskerade des zivillisierten Umgangs fällt nicht nur – sie explodiert in einem animalischen Egorausch, in dem nur noch gefickt werden will. Hingabe, Erniedrigung, Machtausübung, Verschmelzung bevor man sich atemlos wieder fängt, und das „Über-Ich“ wieder die Oberhand gewinnt über das „Es“. Man zieht sich wieder an, und tut so, als sei nichts gewesen.

Zu jeder Facette dieses Szenarios passt „Yes, U“ hervorragend als Soundtrack – mehr muss nicht mehr dazu gesagt werden.

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