Der Vorleser

von Pynchon am 5. März 2009

in Film ab!

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Mal Zeit, die Kino-Rubrik ein wenig aufzufrischen. Am besten mit der Bestseller-Adaption „Der Vorleser“, die ohnehin grad in aller Munde ist, da sie Kate Winslet nach fünf erfolglosen Anläufen endlich den langersehnten Oscar bescherte. Um es vorweg zu nehmen: Durchaus verdient. Mit bäuerlich-derber Grazie und einer spröden Erotik, die ab und an hinter dem undurchdringlichen Schleier einer verschlossenen Frau hervorblitzt, die offensichtlich etwas zu verbergen hat, schreitet Winslet schweren Schrittes durch den Film. Dazu der Mut zur Hässlichkeit, denn Winslet portraitiert eine zunehmend vergrämte Frau, die bis zur reizlosen Oma altert- sowas wird gern prämiert!

Die erste Hälfte des Films lasse ich mir durchaus gefallen: Ein schüchterner Schuljunge (toll gespielt von David Kross) verliebt sich im Nachkriegsdeutschland der späten fünfziger Jahre in die geheimnisvolle Straßenbahn-Schaffnerin Hannah Schmitz (Kate Winslet), die gut zwanzig Jahre älter ist und ihn folgerichtig mit Erfahrung und Kennerschaft in die Freuden der körperlichen Liebe einführt. Die nachmittaglichen Schäferstunden werden von einem festen, quasi prä-koitalen Ritual eingeführt: Der junge Michael liest seiner Geliebten vor, und zwar aus den alten Klassikern von Homer bis Lessing (in der Badewanne gern auch D.H. Lawrence´Lady Chatterley). Noch ehe der Sommer vorüber ist, verschwindet Hannah plötzlich, und die kurze Affäre endet abrupt.

Ohne den Leuten, die den Roman nicht kennen und auch vom Film noch nichts wissen, einen Clou nehmen zu wollen, sei doch erwähnt, dass sich Hannah Schmitz bald als ehemalige KZ-Wärterin entpuppt. In den sechziger Jahren sieht Michael, inzwischen Jura-Student, seine ehemalige Liebe wieder, als er mit seinem Seminar die Auschwitz-Prozesse besucht: Zu seinem Entsetzen sitzt Hannah auf der Anklagebank, beschuldigt am Tod mehrerer hundert jüdischer Häftlinge mitverantwortlich zu sein.

Vielleicht hätte der Film sich nicht so sklavisch an seine literarische Vorlage halten sollen, die er tatsächlich Seite für Seite in vornehm-schöne Bilder überträgt. Leider übernimmt er auch einen weiteren inhaltlichen Gimmick, den schon Schlink genußvoll selbstmitleidig ausbreitete, und der aus der skrupellosen KZ-Wärterin tatsächlich ein Opfer der Historie macht.

Den pädagogischen Auftrag, den die Geschichte der Literatur zuschreibt, und der im zweiten Teil des Films zum Tragen kommt, kann ich nicht anders als peinlich naiv finden.

Vor allem ist „Der Vorleser“ leider eine sehr gediegene Verfilmung eines behäbigen Romans, die sich einigermaßen abkrampft, der Bürde des Holocaust-Themas, das sie sich zunutze machen möchte, gerecht zu werden. Dafür sind Buch und Film allerdings zu banal.

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