Der Untergang

von Benjamin am 22. März 2006

in Film ab!

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Müde von all den Stimmen zu dem Film „Der Untergang“ und dann leicht überzeugt von einer Kritik, die davon abriet, sich den Film anzuschauen (aber tun Kritiken das überhaupt noch? Ist nicht alles „sehenswert“, weil man es dann eventuell kritisieren kann?) drückte ich mich davor, mir einen Film anzuschauen, in dem Soldaten sterben würden, man wahrscheinlich Morde, Selbstmorde und andere Gräueltaten aneinandergereiht sieht, und völlig erdrückt von der Schwere der vergangenen Wahrheit aus dem Kino geht. Schlecht informiert bin ich immer noch, aber ich vermute mal, dass die Rekonstruktion der Ereignisse der letzten Wochen des 2. Weltkrieges und des Dritten Reiches maßgeblich auf den Erinnerungen der Personen aus dem „näheren Umfeld“ Hitlers beruht, die diese letzten Tage überlebt haben. Traudl Junge hat dieses Buch „Bis zur letzten Stunde“ geschrieben, das weiß ich, aber ob die anderen Bücher geschrieben oder Interviews gegeben haben, weiß ich nicht. Aber ich gehe davon aus, dass alle Ereignisse in dem Film wahr sind. Falls ich dumm bin, etwas nicht mitbekommen habe, bitte an dieser Stelle nicht mehr weiter lesen.

Ich schwafle jetzt die ganze Zeit schon ein bisschen um den Film herum, traue mich gar nicht richtig, meine Meinung dazu zu sagen, denn im Nacken sitzt einem natürlich der Tenor Deutschlands, dass man ja auf gar keinen Fall und sowieso und überhaupt. Der Film war brillant gedreht, das kann man einfach nicht anders sagen. Kamera, Schnitt, Erzähltempo, all das war mehr als solide, nicht so, wie man es von deutschen Filmen gewohnt ist. Die Schauspieler haben sich m.E. hier übertroffen, wobei ich aber Abstriche bei Alexandra Maria Lara und Corinna Harfouch machen würde. Alle Generäle, Offiziere und vor allem Bruno Ganz waren fabelhaft. Nach dem Anschauen des Films fragte ich mich dann, warum man sich denn aufgeregt hat, Hitler könnte zu „menschlich“ in dem Film rüberkommen, wobei „menschlich“ natürlich sehr schwammig formuliert ist, gemeint war von diesen Personen wahrscheinlich, dass man Hitler als gefühlvoll dargestellt hat. Wahrscheinlich regte es die Menschen auf, dass man in Versuchung kommen könnte, zu sagen: „Och, der Arme, jetzt weint er.“ Aber den Leuten, die bei jedem weinenden Menschen gleich Mitgefühl empfinden, bei jedem kleinen Tier gleich „Och, wie niedlich“ ausrufen, denen kann man eh nicht mehr helfen. Hitler weint, ja und? Hitler ist enttäuscht, weil sein Vertrauen missbraucht wurde, er trauert auch um seinen toten Köter, er kann nicht wahrhaben, dass seine Wahnvorstellung eines Dritten Reiches als Paradies für ihn und seine Vorstellung einer Weltbevölkerung den Bach runtergeht, ja und? Seine linke (?) Hand zittert, er ist dadurch „behindert“, ja und? Zu den Frauen ist er immer nett und freundlich, ja und? Muss ihn mir das zwangsläufig „näher“ bringen? Gerate ich in Gefahr zu denken: „Sein schöner Traum wird ihm von illoyalen Stümpern versaubeutelt?“ Wenn ich ein bisschen beschränkt wäre, schon. Aber ich hab doch die Kinokarte nicht gegen mein Gehirn eingetauscht, ich hab doch nicht alles, was ich vorher über das Dritte Reich und seinen Anführer erfahren habe, plötzlich vergessen. Dieser Film wirkt mehr wie eins von vielen Puzzleteilchen, das sich zu einem Gesamtbild des Wissens über diese Zeit einfügt, insofern es ein Gesamtbild geben kann. Bei Perlentaucher las ich so etwas wie: das bloße Abbilden dieser letzten Tage macht den Film so schlecht. Nee, eben nicht. Das bloße Abbilden macht den Film erträglich. Ich will keine Filme sehen, in denen man sich mit einer der Rollen identifizieren kann, damit man „mit fühlt“. Ich will Dokumentationen sehen, und „Der Untergang“ war nahe an einer Dokumentation. Dieser Film macht mehr als alles andere deutlich, wie verrückt Hitler war, OHNE dabei zu überzeichnen, wie es viele gerne hätten, damit man ja nicht auf die Idee kommt, ihr wisst schon.

Trotzdem habe ich viele der Darsteller in diesem Film einfach gerne spielen sehen, weil sie es verdammt gut können. Auch deswegen kann man ihn anschauen.

Sollte ich in diesem Text nachlässig gewesen sein, sollte ich jemanden irgendwie indirekt beleidigt haben, so tut mir das leid. So wie viele andere Filme, die sich mit vergangenen und aktuellen Kriegen auf der ganzen Welt befassen, wirkt dieser Film auf mich wie ein Antikriegsfilm. Und somit ist es ein wichtiger Film.

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1 Hififi Mai 30, 2006 um 14:56 Uhr

Tja, wie soll ich es sagen. Ich finde nicht, dass die letzten Tage im Führerbunker sonderlich erhellend für die Nachwelt sind. Sicherlich, der dokumentarische Stil ist die Stärke des Films, die Schauspieler leisten großartiges… Aber was wird denn gezeigt? Ist das denn wirklich von Interesse? In Zeiten, in denen die Jugend der Meinung ist, sich nicht länger mit der deutschen Nazi-Vergangenheit beschäftigen zu müssen, einen Film wie diesen zu drehen, ist doch wirklich überflüssig. Ich habe mir in meinem ganzen Leben nicht einen Gedanken darüber gemacht, wie wohl die letzten Tage Hitlers ausgesehen haben mögen. Vielleicht fanden die Deutschen (Verzeihung, ich verallgemeinere jetzt) den Film deshalb so gut, weil er unterhält. Er schokiert nicht! Diese ganze Diskussion über die „Vermennschlichung“ Hitlers ist doch völlig inhaltslos. Trotz seines Wahnsinns, seiner Skrupellosigkeit, war er doch nun einmal ein Mensch. Das die Deutschen diesen Film lieber sehen mögen, als (noch) ein KZ-Drama ist klar, und deshalb auch so bezeichnend. „Der Untergang“ ist typische „Pseudo-Vergangenheitsbewältigung“.

2 Hififi Juni 2, 2006 um 16:52 Uhr

Oder wie der gute swo es so schön ausgedrückt hat: „Big Brother“ im Führerbunker.

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