Deerhoof – Lido Berlin, 04.12.08

von am 5. Dezember 2008

in Feierlichkeiten

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Als ich Nils am Montag von meiner Verehrung für die Band Deerhoof erzählte, hätte ich nicht gedacht, dass ich dank ihm am Mittwoch schon im Lido stehen würde, um ein Live Erlebnis der außergewöhnlichen Art präsentiert zu bekommen. Es ging nicht nur darum die Band zu sehen, sondern auch darum meine Begleiterin, eine sehr gute Freundin, von der Macht der ungewöhnlichen Klänge Deerhoofs zu überzeugen.

Der Abend begann jedoch eher bizarr, als nützlich für meine Überzeugungsversuche. „Hawnay Troof“, eine noch nicht allzu bekannte Band aus Oakland (Kalifornien), startete aus dem Nichts und von 0 auf 100 in 2 Sekunden. Ein leicht untersetzter Mann mit ADS sprang das ganze Konzert über auf der Bühne, von der Bühne herunter, zwischen den Zuschauern und auf die Bühne zurück. Eigentlich habe ich die Ansage: „Die kleinen Beastie Boys möchten bitte aus dem Kinderparadies abgeholt werden!“ erwartet, denn so klang es. Dazu kamen Schlumpfstimmen-Samples und später eine Art Nonsens-Bergprädigt. Meine Begleiterin fühlte sich wie auf dem Empfang einer Sekte, während ich noch überlegte, was ich nun von dem ganzen Spektakel halten sollte. Es folgte eine Striptease Einlage und ich musste an das Vice Magazin denken. Eine gute Show war es auf jeden Fall und die Musik wäre auf Speed „ein Renner“ gewesen, doch auf CD ist das ganze sicherlich eher ernüchternd. Man muss einfach dabei gewesen sein. (Vice Cooler, Sänger von Hawnay Troof ist übrigens ein guter Freund von Deerhoof und zudem ein sehr bekannter Photograph, Visual Artist und Autor.)

Nach Bier und Zigaretten, ging es weiter mit Gewöhnungsbedürftigkeiten. Der Soundcheck der „Parenthetical Girls“ ging direkt in den ersten Song über. Was nun folgte ist schwer zu beschreiben. Eine sehr schüchterne Ausgabe von Jack Skellington, der von seiner Mutter angezogen wurde, sang mit der Stimme von Brett Anderson zu einer Mischung aus Tilly and the Wall, den Dresden Dolls und einer Prise Xiu Xiu. Eine „noise-folk“ Variante der Bright Eyes mit Synthies vielleicht. Die dramatischen Gesten und der klagende Gesang verleiteten meine liebe Begleiterin dazu, das ganze als „Theatermusik“ zusammenzufassen und mich gleichzeitig wissen zu lassen, dass sie Mitleid mit der Band empfände. Tatsächlich klang es oft sehr nach Brecht, sehr experimentell und oft nach einer modernen Variante, eines Tim Burton Soundtracks. Wieder überlegte ich, ob mir diese Geräusche zusagten oder nicht. Mitleid empfand ich nicht und es waren viele schöne Sachen dabei. Schöne Melodien gab es da auf jeden Fall und etwas Neues auszuprobieren kling am Anfang immer seltsam. Vielleicht wird es tatsächlich bald ein neues Genre namens „Noise-Folk“ geben, wenn es nicht bereits existiert.

Das ganze mündete in einer Cover-Version des OMD Klassikers „Maid Of Orleans“ und endete mit der kompletten Band (3 Männer, eine Frau) am Schlagzeug. Ein toller percussionistischer Abschluss also, jedoch ebenfalls keine zukünftige CD-Investition.

Zwei Jäger-Shots und Zigaretten später war es endlich soweit. Meine Begleiterin und ich nahmen unsere Tanzposition im vorderen Bereich des Saals ein und Deerhoof begannen direkt mit dem wundervollen Stück „Milk Man“. Das Lido war mittlerweile sehr gut gefüllt und die Menschen gaben sich wirklich Mühe zu den 5/4 oder 7/8 Takten, die so gern von dieser Band benutzt werden, fachgerecht abzugehen. Rhythmisch perfekt saß jeder Ton, jeder Schlag und das bei enormem Tempo, live und (bereits erwähnten) ungeraden Taktarten. Es ist Musik, bei deren Umsetzung man sich extrem konzentrieren muss, doch man sah der Band nur Spaß am Spielen an und das war sowohl verblüffend, als auch sympathisch.

Drummer Greg Saunier ist dabei sicher immer das Highlight. Dieser Mensch wurde wahrscheinlich nicht mit Muttermilch, sondern mit Rhythmus gefüttert. Er ist eine Beatmaschine. Immer perfekt, und stark an Schlagzeug Größen, wie Buddy Rich und Louie Bellson erinnernd, hat man wirklich den Eindruck er sei das „Uhrwerk“ der Band, obgleich sein Spiel oft improvisiert wirkt. Er hatte ein blaues Auge und einen blauen Fleck an der Wange. Verletzungen, die er sich garantiert aus Versehen durch seine umherwirbelnden Sticks selbst beigefügt hat, doch er lächelte während des kompletten Konzertes, war gut drauf und versuchte sogar ein wenig Deutsch zu sprechen.

„Wir … jetzt … spielen mehr! Mehr songs! Spielen!“

Es folgten die Knaller „The Perfect Me“ und „My Purple Past“, sowie das etwas ruhigere „Chandelier Searchlight“. Virtuosität ließ dabei aber nicht nur der Percussionist erkennen, sondern auch Gitarrist Ed Rodriguez. Man kann ihn ohne schlechtes Gewissen mit Jimi (dem Hendrix) vergleichen. Sein sicheres Spiel und seine Experimentierfreudigkeit machen einen großen Teil von Deerhoofs atemberaubendem Sound aus. Jeder der Mitgleider versteht sein Instrument und weiß es richtig einzusetzen. Man hört immer wieder Jazz und Fusion Elemente im Zusammenspiel von Ed und John Dieterich, die zum Tanzen anregen und einfach Spaß machen. Klangkollagen, die durch ruhige Passagen mit minimalistischen Tönen, wie ein gesungenes „Beep“ oder „Doop“, dargeboten durch Satomi Matsuzaki, unterbrochen werden und in gigantischen, fesselnden Riffs (dargeboten durch die gesamte Band) enden. Tatsächlich unterbricht meine Begleiterin nur einmal ihr Tanzen, dreht sich zu mir um und sagt: „Genial!“

Meine Mission ist also erfüllt und ein seltsamer Abend endet in musikalisch ausgefallener Perfektion.

PS: Wer die Chance bekommt, sollte Deerhoof unbedingt live sehen. Ein Erlebnis, welches man so sicher nicht noch einmal bekommt. Außerdem bietet das Label „Kill Rock Stars“ auf welchem Deerhoof vertreten sind, noch andere sehr schöne Künstler.

Foto: Bandmyspace

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