Dear Reader – Interview

von Sterereo am 12. Oktober 2009

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Nach Kämpfen mit der Loob-Maschine, einem schottischen Tweet-Mogul und den ewigen Flügen aus der südafrikanischen Heimat „Jo’burg“ sind Dear Reader mit „Replace Why With Funny“ endgültig in Indie-Europa angekommen. Vielleicht sogar bald im Herzen Deutschlands. Beim Plausch mit der Band geht’s um Vuvuzelas, Nickelback und Handtaschendieben.

Ihr tourt ständig durch Europa. Lebt ihr schon hier?

Cherilyn MacNeil: Nein, wir wohnen in Johannesburg. Reisen aber ständig umher. Einen Monat da, einen Monat hier, einen Monat da (wiegt den Kopf hin und her).

Klingt anstrengend.

Kann es werden. Aber es ist toll die Welt zu sehen. Und jetzt Europa. Alleine die Möglichkeit zu haben, so viel zu reisen und in den verschiedenen Clubs und auf Festivals zu spielen ist toll. Ich kann mich wirklich nicht beschweren.

Also gibt es einen Unterschied zwischen der Indie-Szene in Südafrika und hier.

Einen riesigen Unterschied. Du kannst es dir so vorstellen wie die südafrikanische Indie-Landschaft ist neun Jahre alt, wenn die deutsche – sagen wir mal – 90 Jahre alt ist. Sie ist total klein und in den Kinderschuhen.

Aber das zarte Pflänzchen wächst?

Ja, ich denke schon. Eigentlich gibt es eine recht lebhafte Musik-Szene, aber nicht wirklich für die Musik, die wir machen. Das sagt schon viel über die unterschiedliche Bevölkerung unserer Nation aus. Richtig groß ist Gospel, Jazz und Country. Es ist ziemlich hart. Ich habe einen guten Freund, der besitzt wohl den einzigen Club der sich auf Live-Musik spezialisiert hat, mit richtig guten Bands, wo die Leute auch zuhören und die Schnauze halten. Aber er musste schließen, weil es sich nicht finanzierte. Niemand möchte dort Geld für Live-Musik ausgeben. Es ist einfach nicht Teil der Kultur. Schon 40 Rand, also vier Euro, für eine Band ist zuviel: (ahmt die Banausen nach) ‚Wir gehen wo anders hin! (seufzt) Es ist nicht leicht. Es ist eine Menge Arbeit. Dank des Internets gibt es eine kleine Szene, die weiß, wo aufgetreten wird. Die meisten stehen auf Nickelback: (ironisches) ‚Woooohoooo!’ (allgemeines Lachen bei den anderen Bandmitgliedern). Es ist wie ein kleines Baby-Deutschland. Lasst uns ehrlich sein. Wenn du hier das Radio anstellst, musst du tatsächlich überlegen (auf süßem Deutsch:) ‚Was ist das?’. So viele Menschen in Deutschland sind Fans von alternativer Musik.

Ist es euch denn dann überhaupt möglich durch euer Heimatland zu touren?

(lacht kurz) Das haben wir gemacht. Dabei exorbitante Summen an Geld verpulvert! Trotzdem haben wir eine wunderschöne Landschaft erlebt (lacht), aber in den kleinen Dörfern kommen nur 30 Leute zu einer Show. Wir haben es aber immerhin versucht. Am Ende funktioniert es nur in „Cape Town“ und „Jo’burg“.

Du sagst „Jo’burg“! Das ist super. Wie viele Spitznamen gibt’s für die Stadt?

Cherilyn: Normalerweise sag ich „Josi“.

Darryl Torr: Es gibt mehr! Zum Beispiel: „eGoli“ oder „The City of Gold“.

Wieso „City of Gold“?

Darryl: Es ist ein absolute Goldgräberstadt. Viel Bergbau.

Michael Wright: Immer noch sind viele Minen in Betrieb, die Gold zu Tage fördern.

Cherilyn: Die einzige, echte landschaftliche Sehenswürdigkeiten dort: Die riesigen Hügel. Es wurde diskutiert sie los zu werden, aber alleine meine Eltern meinten: „Welch eine Schande! Die Hügel abtragen“ – „Mom, das ist eine Deponie! Du kannst nicht wirklich deshalb sentimental werden“ – „Aber es ist alles was wir haben!“ (lacht).

Dabei musstet ihr als Band auch schon etwas hinter euch lassen. Nämlich euren eigentlich Namen „Harris Tweet“. Was ist da passiert?

Michael: Das ist nicht freiwillig passiert. Eine schottische Tweet-Firma ist schuld.

Cherilyn: Wir haben einen Brief bekommen von einem Anwalt. Das wir aufhören müssen den Namen zu verwenden. Tatsächlich war es sogar nur eine E-Mail! Erstmal haben wir selber mit Anwälten gesprochen und dann beschlossen die weiße Flagge zu hissen. Das Geld und die Energie mit dieser Firma zu streiten war es nicht wert. Also haben wir uns einen neuen Namen gesucht. Da das neue Album, was wir zu der Zeit aufgenommen haben, auch noch so unterschiedlich klang, fiel es uns leicht. Jetzt heißen wir Dear Reader. Irgendwie passte das sogar ganz gut.

Ihr habt momentan neue Songs im Set. Kommt da denn jetzt auch bald ein neues Album?

Cherilyn: Es wird eins kommen. Aber es wird noch eine lange Zeit dauern. Wir haben müssen uns dafür frei nehmen. Dann schreiben wir neue Songs und nehmen die möglicherweise in Berlin auf.

Wieso grade Berlin?

Cherilyn: Ach, weißt du, vielleicht leben wir alle bald sogar in Berlin?

Wirklich? Wieso?

Cherilyn: (wieder im süßten Deutsch:) Weil es ist geil! (lacht) Auch wegen dem langen Weg hier rüber zu reisen. Es ist gut neue Leute an neuen Orten kennen zu lernen. Außerdem können wir dort mehr Bands sehen.

Ihr wollt also alle nach Berlin ziehen?

Cherilyn: Möglicherweise. Aber eher in Etappen. Ob wirklich jeder kommt, wer weiß? Oder nur fürs Touren oder Aufnehmen. Abwarten. Ich werde wohl auch nicht für immer herziehen. Es macht aber Sinn. Wir leben am anderen Ende der Welt und dort passiert nicht besonders viel.

Schön zu hören, dass du schon etwas deutsch sprichst. Auf der Bühne tust du das auch. Wie viele Sprachen sprecht ihr so?

Cherilyn: (lacht, dann wieder auf Deutsch:) Mein Deutsch ist ekelhaft.

(Nun auch der gemeine Interviewer auf Deutsch) Dann können wir ja so weitermachen

Cherilyn: See, I’m like: ‚Was?’ Wait: ‚Frag’ (überlegt) ‚nochmal’ (überlegt) ‚langsamer’ (lacht)

(fragt nochmal langsamer:) Auf Deutsch weitermachen?

Cherilyn: Nein! It would be a desaster. Aber wir sprechen viele Sprachen. Auch etwas Afrikaans.

Es soll dem holländischen sehr nahe sein.

Cherilyn: Ist es. Unsere Tourgeigerin spricht Afrikaans als Muttersprache. Trotzdem ist die Welt in Johannesburg vor allem englisch. Dabei habe wir so viele unterschiedliche Sprachen um uns herum. Irgendwie sprechen alle eine andere Sprache (lacht). Michael kann sogar Zeichensprache.

(Der Drummer fuchtelt mit den Fingern in der Luft umher. Sicher etwas obszönes. Ich kontere mit der einzigen Vokabel dich ich kann:)

Ich muss pinkeln.

Michael lacht, der Rest schaut verdutzt. Zum Glück fragt niemand nach…

(schneller Themenwechsel) Michael, du machst sonst auch interessante Sachen auf der Bühne. Blödelst bei den Ansagen, darfst etwas singen oder hustest rhythmisch zum Song. Oder ihr loopt Soundschnipsel. Wie läuft das?

Michael: Die Loops macht Darryl.

Darryl: Ich glaube, das liegt daran, dass Cherilyn und ich erst nur als Duo akustisch aufgetreten sind. Wir brauchten aber einen volleren Sound, daher mussten wir etwas herumspielen.

Cherilyn: Wir haben uns da am Anfang etwas vorgemacht. Uns interessiert schon immer die Dynamik. Das Große und das Kleine. Aber wir haben akustisch als Duo gespielt. Doch ständig haben wir uns gefragt: „Was können wir machen damit es größer wird?!“ (lacht). Deshalb haben wir die Loopstation. Das ist schon ziemlich cool. Im Studio hatten wir einen richtigen Chor. „Wie sollen wir das überhaupt live bringen?“ Gott sei dank haben wir die Loops. Diese ganzen verrückten Elemente und Geräusche sind schon auf dem Album.

Da fällt mir ein anderes wirres Geräusch aus Südafrika ein…

Cherilyn: … die Vuvuzela!

Darryl: Eine Trompete.

Cherilyn: Tröööööööt

Michael: Im Stadion hört man nichts anderes als dieses Geräusch.

Cherilyn ausdauernd: Trööööööööööt (lacht)

Steht ihr auf Fußball. Habt ihr solche Dinger zuhause?

Darryl: Ich habe eine. Die gehören zur Standardausrüstung. Gerade jetzt durch die kommende Fußball-WM werden die immer bekannter. Jeder hat sie. Es ist wirklich laut. Sehr laut. Ich habe gehört, das manche Leute bei dem Confed-Cup sich beschwerten, weil es durchgehen so laut ist.

Cherilyn ungläubig: Die haben sich beschwert?

Darryl: Ja. Tatsächlich.

Also die WM kommt. Wie ist die Stimmung in Südafrika und bei euch?

Cherilyn: Durch den Confed-Cup kommt langsam das Fußball-Fieber. Jeder ist aufgeregt, aber auch nervös. Der Plan für den öffentlichen Verkehr steht noch nicht, die Stadien sind nicht fertig. Niemand weiß, was passiert. Aber wenn es erstmal soweit ist, wird es sicher sehr cool.

Stört euch das? Wenn jemand wie der FIFA-Präsident auf der Infrastruktur herum hackt?

Cherilyn: Nein! Das ist gut. Alle Veränderungen sind gut. Zum Beispiel haben wir diese seltsamen Taxis. Du brauchst keine Lizenz dafür. Die fahren wirklich fürchterlich. Dabei ist es der einzige Personenverkehr der funktioniert. Jetzt wollen sie Busse einsetzen, doch plötzlich gibt es haufenweise Ausschreitungen und Schießereien. Dann wird zurück gerudert und die Taxis sollen es richten. Wie wird das bei der WM? Die Leute kämen zu spät zum Stadion, oder am Ende des Spiels, wenn überhaupt. Würde es jedoch klappen, bräuchten wir das Taxi-System nicht. Doch diese Leute sind „Hardcore“. Es wird kontrolliert von der Mafia. Sollte ich das einem Journalisten überhaupt erzählen? Sonst kommt niemand mehr. Mietet euch einfach ein Auto! (lacht) Ich denke aber wir kriegen das in den Griff. Fest von überzeugt. Die Kriminalität ist aber kein Geheimnis. Wir haben da unser ganzes Leben verbracht und es ist nichts Schlimmes passiert.

Ihr lebt aber wahrscheinlich in sichereren Stadtteilen.

Cherilyn: Klar. Es gibt richtig gefährliche Ecken. Solltest du dich dorthin verirren, dann nimm kein teures Zeug mit. Schon gar nicht alleine. Oder verloren aussehen. Lass es dir nicht anmerken! Selbst wenn du keine Ahnung hast. Sei selbstbewusst, sonst bist du ein Ziel. Erwarte das Unerwarete, halt deine Handtasche gut fest und schau dir Fußball an! Fuck yeah! (lacht dreckig)

Foto: Myspace.com/dearreadermusic

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{ 2 Kommentare… read them below or add one }

1 JonesKorn Oktober 12, 2009 um 14:28 Uhr

Die klingen ja mal sehr sympathisch =)

2 RockinBen Oktober 12, 2009 um 19:37 Uhr

es ist wie immer: Nils führt einfach großartige Interviews (obwohl die Gesprächspartner sicherlich viel dazu beigetragen haben)!

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