Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt

von Benjamin am 3. Oktober 2007

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Alle paar Monate schickt mich meine Mutter mit der goldenen Clubkarte mit den Worten: „Wir haben in diesem Quartal noch nichts gekauft“ zur „Buch“-Clubfiliale. Normalerweise findet man dort nur Bestseller rund um Herzschmerz und Ratgeber aller Couleur und damit nicht wirklich Bücher, die mich interessieren. Mit dem Druck, ein Buch kaufen zu müssen, entschied ich mich für Daniel Kehlmanns Roman über die Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß.

Kehlmann erzählt das Leben der beiden innerhalb der historischen Fakten, die ihm aber auch genügend Möglichkeiten geben, zu fantasieren. Wer kann denn wirklich behaupten, was z.B. auf den Expeditionen Humboldts im Detail passiert ist. Oder welche Anekdoten Gauß bei seiner Anstellung als Landvermesser mit den Grundstücksbesitzern erlebt hat. Die Hauptfiguren könnten unterschiedlicher nicht sein. Alexander von Humboldt ist ein idealistischer Naturforscher, der die entlegensten Ecken der Welt entdecken möchte und ein idealistisches Bild eines freien Menschen hat. Er lehnt Sklaverei ab, was auf seinen Reisen immer wieder zu Konflikten führt. Sein wissenschaftliches Interesse steht über jedem nationalen Gedanken und jeder Publikumswirksamkeit. Seine Gefühlswelt ist immer rational erklärbar und er unterdrückt jegliche Triebe, was immer wieder zu Konflikten mit seinem Reisegefährten Bonpland führt.

Gauß’ Gefährte ist der eigene Sohn, dem er keine Gefühle entgegen bringt. Seine Lebensweise ist ebenfalls von größter Rationalität geprägt: seine Anstellung als Astronom im Königreich Hannover bringt es mit sich, dass er ein gesichertes Einkommen hat. Als seine erste Frau Johanna stirbt, heiratet er deren beste Freundin Minna: Die kennt sich ja bereits im Haus aus und ist noch zu haben. Der einzige Mensch, der diesem Schürzenjäger was zu bedeuten scheint, ist die eigene Mutter. Und so darf der melancholische Gauß vor sich hingranteln was das Zeug hält.

Kehlmann beschreibt die Charaktere so treffend und humorvoll, dass man dieses Buch verschlingt – auch wenn weder Mörder gefunden werden müssen noch irgendwelche neuen Fakten zu erwarten sind. Die Dialoge sind großartig. Und natürlich gibt es, wie es sich für einen postmodernen Roman gehört, immer wieder kleine Verfremdungen und Selbstreferenzen. Wenn er Humboldt zum Beispiel denken lässt, dass er, wenn er viele Briefe schreibt, verhindern kann, dass die Biografen posthum Anekdoten erfinden und seine Lebensleistung falsch darstellen könnten. Absolut lesenswert!

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