Control

von Hififi am 25. Januar 2008

in Film ab!

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Anton Corbijn hat seine beispielhafte Karriere vor allem einer Band zu verdanken, nämlich Joy Division. Ende der Siebziger stößt er als junger, aufstrebender Fotograf zur Band und beschert der Nachwelt diese eindringlichen Schwarz/ Weiß-Bilder, die sich auch in diesem Film wieder finden. „Control“ ist sein Spielfilmdebüt, ein wirklich gelungenes, aber vor allem auch deprimierendes, so deprimierend wie Ian Curtis‘ Leben wohl nun einmal verlaufen sein muss.

Ian Curtis‘, gespielt von Sam Riley, musikalische Sozialisation beginnt mit dem „tuntigen Trio“ der 70er nämlich Bowie, Pop, Reed denen er nach eifert, zumindest optisch. Der Hang zu existentialistischer Literatur wirkt sich zudem sehr stark auf seine Songtexte aus. In dieser Zeit lernt der 19jährige seine spätere Frau Debbie (Samantha Morton) kennen und ehelicht sie nach kurzer Zeit. Nach dem Besuch eines Sex Pistols-Konzert im Jahre ’76 entschließt er sich in einer Band zu singen. Zu diesem frühen Zeitpunkt heißen Joy Division noch Warsaw, benennen sich aber, nach abgeschlossenem Plattendeal mit Factory, in Joy Division (angeblich nach einem Bordell der deutschen Wehrmacht) um. Kurz darauf wird bei Ian Curtis Epilepsie diagnostiziert, der zusehends in die Depression abrutscht und unter der allgemeinen Erwartungshaltung leidet. Gleichzeitig werden Joy Division im UK immer populärer und Curtis lernt auf einer der zahlreiche Tourneen Annik Honoré (Alexandra Maria Lara) kennen und beginnt eine Affäre. Das Schuldbewusstsein beginnt ihn zu zerfressen und es kommt wie es kommen muss und vor allem, wie wir alle schon wissen.

Das Thema dieses Films ist gleichzeitig sein Titel, denn es geht für Ian darum sein Leben zu ordnen, es gar zu kontrollieren. Je mehr Chaos und unerwarteter Erfolg sich in sein Leben drängt, umso mehr sucht er Schutz und Geborgenheit. Corbijn legt die Rolle des Protagonisten als Grenzgänger zwischen zwei Welten an, dem Kleinstadt-Spießer der für das Arbeitsamt tätig ist und dem Getriebenen, der sich aufschwingt, der Musikwelt ein neues Genre zu spendieren. Das Leben als Musiker verdrängt zusehends jedwede Normalität aus seinem Leben und irgendwann steht Curtis am Scheideweg: Familie oder Karriere, Rockstar oder Vater.

Es gab schon häufiger Schauspieler, die für einen Film zum Sänger wurden, Val Kilmer wurde zu Jim Morrison und Joaquin Phoenix gab einen fantastischen Johnny Cash und in dieser Reihe muss sich Sam Riley wirklich nicht verstecken. Wie auch Kilmer und Phoenix verleiht er seiner Rolle die Stimme, die von Ian Curtis, und das nicht nur auf der Bühne. Wenn die anderen Darsteller teilweise ein wenig blass bleiben, was vor allem für Alexandra Maria Lara gilt, dann liegt das daran, dass Sam Riley sie an die Wand spielt. Na klar, dieser Film handelt in erster Linie von Curtis und erst in zweiter Linie von seiner Band, sodass wenig Platz für andere Charakter-Darstellungen bleibt, was nichts daran ändert das Riley hier einfach umwerfend agiert. Schließlich geht es in „Touching From A Distance” um Debbie Curtis‘ verstorbenen Ehemann und um niemanden sonst.

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{ 7 Kommentare… read them below or add one }

1 Sterereo Januar 25, 2008 um 14:15 Uhr

„Touching From A Distance“ die Biografie von Curtis Frau, an dem sich der Film orientiert, richtig? Ansonsten wohl ein wirklich erschütterndes Biopic über einen weiteren großen Sänger, der vor seiner Zeit gestorben ist…

2 Hififi Januar 25, 2008 um 14:29 Uhr
3 Pynchon Januar 25, 2008 um 15:58 Uhr

Ne Rampensau war Ian Curtis nicht, soviel steht nach dem Film für mich fest…
Wirklich schön, endlich mal wieder einen Schwarzweiß-Film im Kino zu sehen, die Konzertszenen sind klasse gefilmt, die Songs sind ohnehin zeitlos.
Neben Sam Riley fand ich auch Samantha Morten als verzweifelte Ehefrau und den durchgeknallten Manager sehr stark. Das Einzige, was mich gestört hat, war das Ende des Films- Blowin in the wind oder was, too pathetic….Der Rest ist unbedingt sehenswert!

4 otic Januar 25, 2008 um 20:49 Uhr

„Im Film sagt Curtis seiner belgischen Geliebten über Macclesfield, dass es grau sei, erbärmlich, er immer nur weg wollte. Was sein Körper am Ende als schmutzig-schwarzer Rauch aus dem Krematorium schafft“

FR-online

Sehr schöne Interpretation, wie ich finde. Nicht zu pathetisch.

PS.: „pathetic“ bedeutet übrigens nicht „pathetisch“, sondern eher „erbärmlich“.

5 Iain Januar 26, 2008 um 12:16 Uhr

dazu fällt mir ein, dass ich kürzlich mit erschrecken festgestellt hab, dass eventually nicht eventuell bedeutet, sondern schließlich ;o)

das gibt so manchen lied aus meiner sammlung gleich ne ganz neue dimension…

6 Hififi Januar 30, 2008 um 20:53 Uhr

Da muss ich mich Oli anschließen; weder zu pathetisch noch erbärmlich (davon ausgehend, dass du das auch nicht gemeint hast). Hm, vielleicht ein wenig pathetisch, aber ganz ehrlich, der Film an sich war es so gar nicht, also weshalb zum Schluss nicht so ein Zeichen. Wenn ich Schwarz/ Weiß-Filme sehe in denen schwarzer Rauch aus Schornsteinen aufsteigt, denke ich z.B. an Ausschwitz etc. Damit will ich nur sagen, dass es wohl wieder einmal reine Interpretationssache ist.

7 Pynchon Dezember 5, 2008 um 10:50 Uhr

Ach Gott, ach Gott, da bin ich sogar für meine Verhältnisse spät dran mit meiner Antwort:
Also, my english is fucking awful… pathetic heisst also nicht pathetisch, sondern erbärmlich? Ich leiste Abbitte! Nichts an „Control“ ist erbärmlich, aber ein anderes Ende hätte ich mir trotzdem gewünscht- sein Rauch steigt auf in die Lüfte, also neee….
Trotzdem, um das klarzustellen: Der Film ist die Kinokarte wert gewesen! Und Joy Division verbleiben als eine Band, die ich sehr schätze.

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