Codeine – Frigid Stars / Barely Real / The White Birch

von am 4. August 2007

in Musik!

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Die Unerträgliche Langsamkeit des Seins:

Wie die Titelzeile schon andeutet, handelt es sich hier nicht einfach um eine Rezension eines Albums, sondern um eine Werkschau und Verbeugung vor einer der unprätentios eigenwilligsten und großartigsten Bands aller Zeiten.

(Stellvertretend das The White Birch Cover, d. Red.)

„The world is frozen now

It glitters, sparkles, and shines“

(Smoking Room)

New York 1989: John Engle und Stephen Immerwahr reduzieren einen Harry Nilsson-Klassiker zum neunminütigen Depressionsschub. „Without You“ ist das erste Lebenszeichen von CODEINE, obwohl von Leben, wie man es bis dahin kannte nicht viel zu spüren war: Ihre quälend langen, repetitive Akkordfolgen, Feedback, Traurigkeit, Wut und vor allem ihre Langsamkeit werden zu ihren Markenzeichen, von denen sie in ihrem Bandbestehen keinen Deut abrückten. Sooyoung Park, damals noch bei Bitch Magnet (später Mastermind der nicht minder großartigen ‚Touch & Go‘-Helden SEAM), verhilft CODEINE zu ihrem ersten Plattenvertrag beim Beverunger Label ‚Glitterhouse‘.

Wenn man sich die damalige Musiklandschaft ansieht, kann man sich vorstellen, dass es nicht leicht war, überhaupt ein Label zu finden. CODEINE passten auf keinen Stuhl, entsprachen nicht den gängigen Vorstellungen von Rockmusik, und obwohl sich gerade eine neue alternative Welle vorbereitete, die den gesamten Musikmarkt überschwemmen sollte, wusste man nicht so Recht, was man mit dieser langsamen Traurigkeit anfangen sollte, oder wie man sie überhaupt einem Publikum präsentieren könnte. Trotz wunderschöner Melodien und lauten Momenten wirkten CODEINE viel zu sperrig, zu nerdig und vor allem viel zu langsam.

„D for effort

D for intent

D because you pay the rent“

(D)

Dennoch gelang es, ein amerikanisches Label zu finden, bei dem die Band schließlich eine Heimat fand. Bei ‚Sub Pop‘ (Seattle, Washington) war man ja bereits einiges gewohnt. Fünf Jahre vorher gegründet, hatte man mit dem ersten Release 1987, der „Sub Pop 100“-Compilation bewiesen, dass man ein Händchen für ungewöhnliche Rockmusik im weitesten Sinne hatte: THE WIPERS, SONIC YOUTH, SKINNY PUPPET, SHONEN KNIFE waren alles andere als konventionell. Der 1988 veröffentlichte zweite Teil „Sub Pop 200“ deutete schließlich die Endstation an, in deren Richtung es die nächsten Jahre gehen sollte, und auf dessen Weg man so langsam die Kontrolle verlieren sollte: TAD, SOUNDGARDEN, GREEN RIVER, MUDHONEY, FASTBACKS, SCREAMING TREES und schließlich NIRVANA sollten wenige Jahre später – gewollt oder ungewollt – auf der Seattle-Hype-Welle ganz oben schwimmen.

„Frigid Stars“ erschien auf Sub Pop 1991, und bildete – obwohl man soundmäßig meilenweit entfernt lag – u.a. mit den noch langsameren Drone-Rockern von EARTH, und Calvin Johnsons Lo-Fi-Twees BEAT HAPPENING eine Unterkategorie zur lautstarken Grungewelle.

Noch etwas lebhafter als auf den nachfolgenden Releases, stehen die wunderschönen, fragilen Melodien noch im Vordergrund. „New Year’s“ verbreitet eine angenehme Ruhe, zu der man sich vorstellen kann, mit seiner Freundin in den Sonnenuntergang zu schauen – vorausgesetzt man hört bei den Lyrics nicht all zu genau hin:

„Feel so sad, so bad today

All our friends have gone away“

(New Year’s)

Gleich anschließend kippt die Stimmung von dem, was man vielleicht noch als melancholische Romantik bezeichnen könnte in den Abgrund. „Second Chance“ ist ein wabernder, klaustrophobischer Albtraum, bei dem man nur alleine sein möchte. Generell gehören CODEINE zu den Bands, die einen an den Rand zum seelischen Abgrund führen können; die es vermögen die düsteren Seiten in einem selbst nicht nur zu entdecken, sondern zu zelebrieren. Ein gewaltiger Hirnfick: schmerzhaft, andersartig, einsam. „Frigid Stars“ taugt als Hintergrundmusik zum Verliebtsein genausowenig, wie zum gemeinsamen Bier unter Freunden. Diese Musik hat das Potenzial jede Party zu sprengen, die Leute betroffen und fassungslos zurückzulassen.

„Cave-In“ markiert die typische CODEINE-Stimmung, wie sie nur diese Band kreieren kann. Eine ohnmächtige, an Wahnsinn grenzende Frustration, die trotz aller Negativität kontrolliert, diszipliniert und immer wunderschön bleibt.

Definitiv gemacht fürs Alleinesein.

„On a quiet afternoon

Staring out of your room

Feeling blue

What am I gonna do?“

(Realize)

Die Mini-LP „Barely Real“ erscheint wie alle CODEINE-Outputs als releasetechnisches Understatement: Kein Booklet, keine großen Worte – nur sechs Songs in 25 Minuten. Dazu kryptische Titel wie „Jr“ oder „Realize“. Es gibt Unterschiede zum Vorgänger: Opener „Realize“ ist ein kompositorisch eingängiger Tranquilizer, der beinahe so etwas wie Pop-Appeal besitzt. Die Satie-artige, skizzenhafte Klavierminiatur „W.“ zermürbt den Hörer mit seinen endlosen Wiederholungen, als wenn das Stück mittendrin in sich selbst verhakt und stecken bleibt. Die anschließende, wundervoll-befreiende Rückkehr zum Hauptthema entschädigt gleich wieder für die Tortur. Man beginnt zu begreifen, dass es keine Schönheit geben kann, so lange man das Hässliche nicht kennengelernt hat. Beim MX-80-Cover „Promise Of Love“ wird der Hörer in einen menschenleeren, dunklen Jazzclub entführt. Bevor man es sich im Refrain gemütlich machen kann, wird man im kuschellig-benebelten Halbschlaf unvorbereitet durch laute, dissonant-randalierende Schläger verprügelt, bevor es hinaus in die Kälte der Nacht geht.

„Loss leader, losing sight of the shore

Can’t take this loss loop anymore, anymore

Water – running down

Water – running down“

(Loss Leader)

„The White Birch“ wird CODEINE’s letztes Album, und erscheint 1994. Mittlerweile ist auch eine passende Schublade für den Sound der Band gefunden: Die etwas unbeholfen wirkende Bezeichnung ‚Slow Core‘.

Auf ihrem letzten Album werden die bisher erzeugten Emotionen haushoch aufgetürmt. „Sea“ beginnt glasklar und schleppend, ohne die geringste Verzerrung. Um so gewaltiger kommt nach einem längeren Spannungsbogen die ganze Wucht: Wie eine riesige Welle türmen sich die Gitarrenakkorde, begraben alles unter sich, fließen wieder ab, um sich nach einer kurzen Ankündigung aus Trommelschlägen in vier mitreißend-gewaltigen Riffen zu entladen. Äußerst diszipliniert beginnt alles wieder von vorne, um das Boot im wütend-kontrollierten zweiten Teil endgültig umzuwerfen. Fantastisch!

Auch „Loss Leader“ beginnt langsam und leise, knallt dem Hörer unvermittelt mit klinischer Präzision wenige, aber intensive Riffs vor den Kopf. „Wird“ ist eine Weiterführung von „Barely Real“’s „W.“, diesmal mit kompletter Bandbesetzung. Insgesamt ist der Sound auf „The White Birch“ trockener und separater, als auf den Vorgängern. Noise-Eruptionen und unverzerrte Töne vermischen sich kaum noch. Die lethargische Depression wurde etwas zurückgefahren, macht etwas Platz für verhaltenen Optimismus und für CODEINE-Verhältnisse beinahe schon vor Tatendrang explodierender Wut. Die leichteren Passagen schwimmen wie eine trüb schimmernde Ölschicht auf den vielschichtigen, dunklen Untiefen der Songs. Alles wird wie immer zusammengehalten und verstärkt durch Immerwahr’s genäselte Vocals.

CODEINE haben sich 1994 aufgelöst.

Es ist müßig den gewaltigen Einfluss von CODEINE hervorzuheben: Bands wie MOGWAI, LOW, TORTOISE, GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR, MONO sind schwer ohne die Vorarbeit von CODEINE vorzustellen.

Sicher stellt die Musik so manchen Hörer vor eine größere Herausforderung: Alkohol, Zigaretten, Depression, Albträume, Drogen, Alleinesein, Ängste, Andersartigkeit. CODEINE konfrontieren uns mit potenziell ungünstigen Emotionen für den erfolgreichen Tagesablauf. Aber auch mit Schönheit, Zerbrechlichkeit, Behutsamkeit, Befreiung, Selbständigkeit. Individualität. Ab und zu sollte einfach den Blick in menschliche Abgründe wagen, denn die Dinge, die dort zu entdecken sind, findet man nirgendwo sonst.

„Tell it to your friends

Say, „This is the end.“

I see your friends

Guess this is the end“

(Something New)

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