ClickClickDecker – Interview

von Sterereo am 12. Februar 2009

in Interviews

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„Jetzt ist mein Mund ganz trocken. Ich habe eben 3 Stunden lang geredet!“, teilt Kevin Hamann seine Sorgen mit dem Publikum im Kölner „Stereo Wonderland“. Dort steht er mit seiner umgeschnallten Gitarre und vom Kollegen Oliver Stangl flankiert und klimpert die neuen Songs. Schuld sind natürlich die Interviewer, die den Wahl-Hamburger, der als ClickClickDecker unterwegs ist, wegen seinem neusten Album „Den Umständen Entsprechend“ auf den Zahn fühlten.

Ihr habt in Hamburg zur Veröffentlichung eine Gala im Kino organisiert. Wie war das?

Kevin: Es war ein super Abend. Wir haben gespielt und sind nach drei Stunden wieder raus gegangen.

Und in der Zwischenzeit?

Kevin: Gab’s eine kurze Pinkel- und Bier-Hol-Pause.

Spitzfindig. Wurde auch Musik gespielt und Bilder gezeigt?

Kevin: Gespielt wurde so einiges und gezeigt haben wir das neue Video als Premiere und das war’s schon. Dann habe ich noch die Single „Es Fängt An Wie Es Aufgehört Hat“ mit dem Sascha Blohm zusammen gespielt, der auch das Video auf Youtube gemacht hat.

Wie kam das zu Stande?

Kevin: Der Sascha Blohm hat schon früher von mir Sachen auf Youtube gecovert und das ging natürlich nicht an mir vorbei. Da habe ich ihn gefragt, ob er nicht die neue Single von mir auch so präsentieren möchte. Das hat er dann gemacht. Dann haben wir’s jetzt bei der Gala zusammen vorgetragen. Das erste Mal zusammen – ungeprobt. Ging aber ganz gut.

Jetzt ist das Album fertig, „Den Umständen Entsprechend“, wie geht’s dir damit?

Kevin: Blendend. Das Album ist für mich schon etwas länger im Kasten und ich bin immer noch begeistert. Auch wie es alles geklappt habt mit dem neuen Studiogewand. Auch wie alles angenommen wird – ich bin überglücklich.

Die Songs gab es ja schon länger, wie du sagst. Hast du sie bereits vor Jahren in deinem Schlafzimmer geschrieben, oder wie soll man sich das vorstellen?

Kevin: Geschrieben habe ich sie vor allem über das letzte Jahr hinweg. (überlegt) Und das Vorletzte auch noch. Über das Vor-Vorletzte nicht (lacht). Seit dem letztem Album quasi.

Es sollte ja mit Band eingespielt werden, wie war es den anderen die Songs vor zu spielen?

Kevin: Ich habe daran gearbeitet und fertig gemacht und damit abgeschlossen, war aber sehr unzufrieden damit. Habe es dann Tobias Bade – einem Freund von mir – in die Hand drücken wollen. Der meinte dann: „Das brauche ich mir gar nicht an zu hören, es gefällt dir ja nicht mal“ und sagte dann: „Komm, wir machen dass alles bei mir im Studio noch mal neu. Nehmen Oliver Stangl mit und spielen es noch mal ein“. So war dass und so haben wir dass dann gemacht.

So richtig im Studio aufgenommen hattest du vorher noch nicht.

Kevin: Nein, dass war Premiere.

Die Songs also Spur für Spur zusammenzusetzen. Wie war das? Kevin im Wunderland?

Kevin: (lacht) Ja, anfangs schon. Teilweise auch: „Oh Gott, Oh Gott! Wie lange dauert dass denn! Was soll dass, was ist das?“. Man gerät ja auch in ganz klare Arbeitsabläufe zuhause, wenn man immer unter der Decke arbeitet, dort hat man ja sein ganz eigenes Arbeitsschema. Im Studio war es am Anfang total aufregend, manchmal auch etwas holprig, da ich mich dran gewöhnen musste. Doch es hat einfach Riesen-Spaß gemacht und das Endprodukt ist großartig geworden.

(Jetzt an Gitarrist Oliver Stangl gerichtet) Wie hat sich der Kevin denn mit der Feuertaufe im Studio so gemacht? Du warst ja hautnah dabei.

Oliver: Für mich war es abgedreht, da es vor allem auch ein großer Spaß war mit zwei Freunden (neben Kevin noch Tobias Bade, Station17, Anm.) und die Möglichkeit schon an fertig bis weit fortgeschrittenen Songs zu arbeiten und diese noch zu erweitern. Es war ein tolles Erlebnis.

Ihr spielt beide die Gitarre zu den Songs von dir, Kevin. Musstet ihr da erst klären, wie was gespielt wird?

Kevin: Nee, da musste ich ihm nicht sagen, wie er was zu spielen hat. Der Olli ist toll, der muss etwas nur einmal hören und kann’s dann spielen. Man sagt höchstens Mal, probier doch mal dies und das.

Oliver: Dass ist ja auch das fruchtbare.

Kevin: Genau, und deshalb haben wir’s ja auch zusammen gemacht, um raus zu bekommen, was am besten ist.

Irgendwelche Überraschungen erlebt, dass eine fertiger Song hinten anders raus als er ins Studio rein gekommen ist?

Kevin: Überraschend war, dass ich, nachdem wir ins Studio gegangen sind, noch mal vier Songs geschrieben habe (beide lachen). Und dass innerhalb von kürzester Zeit, die auch spitzenmäßig sind.

Welche sind denn das?

Kevin: „Weil Sie Uns Siezen“, „Dialog Mit Dem Tölpel“, „Kümmern Wir Uns Durch Die Jahre“ und „Transperent“.

Oliver: Ja, dass war ein ziemlicher Knaller.

Kevin: Es war wie so eine Blockade, die vorher drin war, und als es hieß: „Wir gehen ins Studio“, dachte ich nur: „Oh geil, jetzt kann ich noch mal kreativ sein“. (grinst) Einfach weil ich zuhause schon über die Möglichkeiten nachgedacht habe, wie das später dann laufen könnte.

Du scheinst wirklich sehr glücklich mit dem Album zu sein. Jetzt geht’s mit Band auf die Bühnen. Macht es für dich einen großen Unterschied, ob jetzt solo oder mit Band gespielt wird?

Kevin: Auf jeden Fall, weil entweder ist die Band dabei, oder sie ist nicht dabei. Aber wenn ich solo spiele, ist es natürlich leiser und mit Band wird’s dann rockiger. Also manche Leute mögen das Eine lieber, manche das Andere. Da spalten sich die Meinungen. Leute, die mich solo kennen gelernt haben, meckern dann schon mal rum und andersrum ist es genauso. Ich hoffe es gibt auch ein paar die beides mögen.

Oliver: Man kann’s halt nicht allen recht machen.

Wann hast du eigentlich entschieden Musik zu machen und Musiker werden?

Kevin: Da muss man wohl unterscheiden. Meine erste Band hatte ich, als wir zuhause in meinem Schlafzimmer ein Schlagzeug aufgebaut haben und meine Mutter mit Schnittchen vorbei kam. Da war ich elf. Da hab’ ich meine erste E-Gitarre gekauft und durch ein Röhrenradio laufen lassen. Aber wann hab’ ich mich entschieden davon zu leben? Den Schritt habe ich wohl vor 2 ½ Jahren gemacht und bisher klappt das ganz gut.

Ist das nicht ein ganz schönes Wagnis?

Kevin: Na klar, aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Aber irgendwann ging es von der Zeit her nicht anders. Irgendwann stehst du vor der Wahl. Wenn du mit deiner Musik auch etwas erreichen willst, musst du auch einfach mehr Zeit investieren. Dann wird es schwierig neben einem normalen Job, dass zu arrangieren. Dann stehst du vor der Frage: Jetzt richtig, oder gar nicht: Keine halben Sachen.

Da gibt’s auch eine Zeile auf deinem neuen Album: „Da hinten geht der letzte Zeitpunkt/Dahinten fährt die letzte Chance“. Hattest du dieses Gefühl?

Kevin: Dass sowieso. Altersmäßig sollte man immer alles so schnell wie möglich machen. Wie heißt das noch: „Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen“.

Danach geht’s zurzeit bei dir. Einen Tag Köln, dann Hamburg. Ist gerade Vollgas angesagt?

Kevin: Naja, Vollgas würde ich nicht sagen. Ich habe mir jetzt nicht auf die Brust geschnürt unbedingt Erfolg zu haben und dafür alles zu tun. Nö, so wie es jetzt gerade läuft ist alles total cool. Klar, war es gerade in der letzten Zeit etwas mehr, weil jetzt auch die heiße Phase ums Album ist, doch noch gibt es genug Freiraum für privates.

Ein Freund von dir – Bernd Begemann – kommt aus dem schönen Bad Salzuflen, du bist in Berlin geboren und wohnst in Hamburg. Schreibt man anders, wenn man in der großen Stadt lebt?

Kevin: Hmm, mich würde eher interessierten, ob man anders schreibt, wenn man im Wald lebt. Davon gibt’s einfach zu wenige. Es gibt so viele Musiker, die über die Stadt schreiben. Wahrscheinlich schreibt jeder hauptsächliche darüber, was um einen herum passiert, deshalb wünsche ich mir mehr Menschen die über Wälder schreiben.

Also zieht’s dich in den Schwarzwald?

Nee, da ist ja nix, da habe ich keine Lust zu.

Dass sehen wohl die meisten so. Was sind eigentlich noch deine Einflüsse? Zu den echten Liedermachern wie Wader, Wecker und May scheinst du dich ja weniger zu orientieren als viel mehr an der Hamburger Schule.

Kevin: Wenn wir schon dabei sind, der Reinhard May zieht sich, soweit ich weiß, auch gerne ans Meer zurück zum Schreiben. Der schließt sich dann wohl wirklich einige Monate in so ein Haus am Meer ein und sitzt den ganzen Tag in den Dünen und schreibt. Aber von diesen Liedermachern bin ich jetzt nicht so inspiriert. Aber ich bin großer Udo Lindenberg-Fan. Vor allem von den alten Platten. Aber der Udo ist sich immer Treu geblieben und hat immer gesagt, was er denkt. In meinen Augen hat er bis zu den 80ern keine verkehrten Platten gemacht, immer ausdrucksstark und nie peinlich.

Dabei hast du auch ganz andere Sachen schon gemacht. Unter deinem ersten Künstlernamen, Tom Bola, gab’s Elektro-Frickeleien.

Kevin: Damals habe ich auch schon Gitarre gespielt, aber nur eine Groove-Box und einen Vier-Spur-Kasettenrekorder gehabt und mehr halt nicht. Eine Spur für Gesang, eine für Gitarre und eine Stereo-Spur für die Groove-Box. Jetzt gibt’s halt ein paar mehr Spuren. (grinst).

Den Techno/Rave hast du mit Bratze (zusammen mit „Der Tante Renate“) ja behalten. Jetzt ist auch bei ClickClickDecker weniger Elektronik zu hören.

Kevin: Ja, bei Bratze tobe ich mich aus und dass bei ClickClickDecker weniger elektronisches zu hören ist, liegt daran, dass wir diesmal mit organischen Instrumenten aufgenommen haben.

Also schlagen da zwei Herzen in deiner Brust?

Ja, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun und umgekehrt. Das sind für mich zwei verschiedene Einheiten. Ich habe gar keine Berührungsängste zur Elektronik, noch nie gehabt, ich habe auch mal ein Album gemacht, dass dort ziemlich viele Berührungspunkte hatte, heißt „Das Soll So“. Gibt’s noch im Netz, kann man sich kostenlos runterladen: bei Rapidshare.

Du darfst das sagen, weil sie du das Album im Eigenvertrieb raus gebracht hast. Sowieso stehst du mit deinem Projekt „Herz statt Kommerz“ für Do-It-Yourselfe ein, oder?

Kevin: Ich habe das aber auch gemacht, weil ich gerne alles in der Hand habe und es damals auch keine andere Möglichkeit gab. Dass gerade jetzt der Schritt in der Musikszene wieder zurück zum Do-It-Yourselfe geht, liegt auch daran das die Musikindustrie quasi am Boden ist. Daher ist es am sinnigsten die Sachen selber zu machen und dafür etwas Geld auf zu bringen. Davon hast du immer am meisten, ansonsten ist es schwierig überhaupt etwas mit Musik zu verdienen.

Klingt ermutigend.

Kevin: Ich will niemanden dazu ermutigen sondern kann es jedem einfach nur raten. Aber ich glaube, da kommt jeder irgendwann selber drauf.

Gerade durch das Internet…

…genau, dadurch ist es viel einfacher geworden in den letzten Jahren. In den 90ern war’s möglich ein paar CDs zu brennen und sie an ein paar Leuten zu geben und dass war’s. Jetzt baust du dir eine Myspace-Seite und jeder auf der Welt kann dich hören. Du kannst keine Platte draußen haben und trotzdem ist dein Konzert voll und alle Leute singen es mit, weil sie deine Texte aus dem Internet kennen. Das gab’s früher ja nicht. Für diese „D.I.Y“-Geschichte natürlich super geil. (überlegt kurz) Aber es hat auch Nachteile, weil du dich viel mehr darum kümmern musst. Du musst überall präsent sein. Damit verbringt man Stunden am Tag, nur mit Pflege von Profilen und dem Beantworten von E-Mails.

Wie läuft dass bei dir und deinem Blog?

Kevin: Kommt drauf an. Ich überlege mir dann schon, wann ich was schreiben will. Vielleicht mal eine halbe Stunde. Keine Ahnung, wie viel das zeitlich so ist. Aber hier liegt einfach die Zukunft. Du siehst ja, wie sehr die Druckzahlen der Musikzeitschriften zurückgehen. Ist ja auch klar. Eine Musikrezension in einer Zeitschrift, wie langweilig, wenn du dir die Musik schon Wochen vorher im Internet anhören kannst. Was interessiert mich dann noch, was der Redakteur drüber schreibt, wenn ich mir selber bereits ein Bild machen kann? Das doch total egal. Für mich ist das auch nicht die Zukunft, das findet doch schon lange statt, wir sind doch mittendrin.

Wie beurteilst du das? Früher hat man sein letztes Geld für Platten ausgegeben und heute sagst du’s selber: Rapidshare.

Kevin: Dass ist eine Sache, auf der sich der Musikschaffende einstellen muss und lernen muss, damit um zu gehen und das beste daraus zu machen. Also, wenn sich etwas verändert, muss man sich anpassen. Es macht keinen Sinn die Hände über den Kopf zusammen zu schlagen und zu sagen: „Es ist alles Mist, ich weiß nicht, was ich machen soll“. Es wird immer noch Leute geben, die sich Platten kaufen. Vielleicht weil sie gerne die Sammeln, die Sachen anfassen oder die Künstler unterstützen wollen. Deshalb kann ich sagen, ich habe keine Angst davor, was das Internet mit sich bringt?

Vielleicht weil du ungefähr weißt, wie es funktioniert. Auch mit dem Memory-Spiel auf deiner Homepage.

Ich würde nicht sagen, dass ich weiß, wie es funktioniert. Aber man muss sich dem auch anpassen. Das versuche ich so gut, wie ich kann. Ich weiß nicht, wie es funktioniert oder überhaupt etwas nützt, ich kann nur sagen, ich hab keine Angst davor und zu allem bereit und gespannt, was noch weiterhin passiert.

Spitzen Schlusssatz, vielen Dank.

Fotos: Pressefreigaben

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