Chain And The Gang – Gleis 22, Münster, 29.03.10

von am 9. April 2010

in Feierlichkeiten

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Ian Svenonius gehört zu einer rar gewordenen Spezies. Er ist ein Protestkünstler, ein unermüdlicher Kämpfer für seine Sache. Dies ist er seit Jahren an allen Fronten: Er schreibt Bücher (sehr zu empfehlen zum Beispiel die Essay-Sammlung „The Psychic Soviet“, die mit ihrem pinken Kunstledereinband und Prägedruck einer kleinen Gospel-Bible ähnelt und 19 semisatirische Texte zu Rock’n’Roll, Religion, der Weltherrschaft Amerikas, dessen anzustrebende Zerstörung und dem Niedergang der UdSSR), seine Online-Talkshow als Gegenthese zu David Letterman, in der er Persönlichkeiten wie Henry Rollins oder Genesis P. Orridge interviewt. Ganz zu schweigen von seinen unzähligen musikalischen Bands und Projekten: Angefangen mit den Politpunk-Guerillas Nation Of Ulysses, bei deren Liveauftritte sich Svenonius regelmäßig bis zur Erschöpfung aufrieb und sich auch mal den Arm dabei brach, über The Make-Up (bei denen der Autor schon 2001 erleben durfte, wie sich ein Rockkonzert in eine mitreißende Messe verwandelte) bis zur Underground-Rock’n’Roll-Formation Weird War. Mit Chain And The Gang brachte er 2009 das erste Album hervor. Beteiligt waren unter anderen Lo-Fi-Grunge-Twee Calvin Johnson (auf dessen Label K-Records Svenonius einen Großteil seines Outputs veröffentlichte), Brian Weber (Dub Narcotic Sound System) oder The Gossip-Tourbassist Chris Sutton. Auch hier verbindet sich Rock’n’Roll-Entertainment mit Resten von Lo-Fi-Punk und ganz viel Gospel. Es ist schwer zu beschreiben, wie sich Chain And The Gang live anfühlen. Svenonius ist einerseits eine coole Sau, gleichzeitig intelligent wie bescheuert, stilvoll wie konsequent ‚out of fashion‘. Man stelle sich eine Mischung aus James Brown, Joe Strummer und vielleicht Helge Schneider vor und man trifft doch nicht ins Schwarze. Als nimmermüder Kämpfer gegen Unterdrückung, Imperialismus und Kapitalismus ist er ein tragikomischer Held im Kampf gegen Windmühlen. Man weiß nicht immer, ob man lachen, weinen oder einfach nur feiern soll. Eins ist Svenonius aber ganz eindeutig: ein hervorragender Entertainer. Er singt, kreischt, ächzt, bricht auf der Bühne zusammen, springt wieder, ständig um Interaktion mit dem Publikum bemüht, das an diesem Abend allerdings nicht so recht mitgehen will. Aber egal, das Programm wird durchgezogen, Songs werden erklärt, ihre Bedeutung versucht zu übersetzen. Aber vor allem wird gepredigt, gerockt und zur Revolution gerufen. Seine Mitstreiter sind äußerlich unscheinbarere, aber nicht minder ausgezeichnete Musiker. Mit Bass, Gitarre Orgel und einer umwerfend tight-polternden Schlagzeugerin gelingt dem Quartett der ständige Spagat zwischen spannungsgeladenem Minimalismus und lauten Gospelpunk-Explosionen. Im Mittelpunkt steht aber eindeutig und in jeder Sekunde der Reverend Svenonius. Nach einem wundervoll ausufernden „Death Bed Confession“ geht die Band von der Bühne, gefeiert von den wenigen Leuten im Publikum. Es bleibt der bedauerliche Eindruck, dass sich das Publikum im Jahre 2010 anscheinend nicht mehr so recht mit engagierter Andersartigkeit befassen mag, insbesondere nicht, wenn sich hierfür keine eindeutige Schublade finden lässt. Svenonius gibt uns die Gelegenheit, ab und zu mal zu hinterfragen, was wir mit unserer Welt anfangen wollen. „Tell me, what’s a dollar? A dollar is a hundred cents“. Oder was glaubt ihr?

Foto: myspace.com/chainandthegang

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