Calling Linus – Echo Boy

von am 12. November 2012

in Hausmusik

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“Of all the stars I’ve ever seen/

you’re the sun.”

(„Hang On“, Teenage Fanclub)

Mit diesen Zeilen brachte Norman Blake Anfang der Neunziger Jahre den Antrieb für seine unermüdliche Suche nach dem perfekten Popsong auf den Punkt: nämlich die Hoffnung, dass da draußen mehr sein muss, als der graue Alltag, triste U-Bahnfahrten und die Wettervorhersage im Fernsehen. Erst dieses immer spürbare ‚Getrieben sein‘ macht aus den Songs mehr als die Abfolge von Beats und Akkorden. Vielleicht ist die Besessenheit des Musikers sogar einer der wenigen aussagekräftigen Indikatoren für die ansonsten sehr subjektive Wahrnehmung von Musikqualität.

Einer, der da mitreden kann ist sicherlich Christian Swoboda, Frontmann bei Calling Linus. Als im Schlafzimmer produziertes Ein-Mann-Projekt begonnen, ist die Band mittlerweile zu einem vierköpfigen Organismus angewachsen, der unvermittelter nicht klingen könnte. Jeder der fünf Songs auf „Echo Boy“ geht dabei bis ans Äußerste, nagt an der Substanz, berührt auf seine ganz eigene Weise Kopf und Bauch. Das Gegenteil also vom Plätscherpop, dem man tagtäglich im Vorbeigehen aufs Auge gedrückt bekommt. Aber auch von der verkopft-eitlen Styler-Szene nehmen die vier Düsseldorfer erfreulich Abstand. Die Kunst ist es, den ausbalancierten Mittelweg zwischen künstlerischem Anspruch, Unterhaltung und technischer Umsetzung hinzubekommen. Anbetracht dieser Faktoren sind Calling Linus ein echter Glücksfall in der deutschen Indiepop-Landschaft.

Schon der Titelsong fällt mit der Tür ins Haus und entzückt mit New-Order-Bass, Handclaps und ultraeingängiger Gitarren-Hookline. „Behind The Curtain“ schwingt sich in lärmige Shoegaze-Höhen auf, während „Grow“ eine wahre Aneinanderreihung von perfekten Stellen darstellt: Der raue Gitarrensound bietet einen geradezu süchtig machenden Konter, der Swobodas Vocals immer wieder am Abheben hindert. Dazu trifft dieses dynamische Auf und Ab auch noch mitten ins Herz. Apropos, das unbestrittene Herzstück kommt erst ganz zum Schluss, heißt „St Petersburg“ und lässt den Hörer mit offenem Mund zurück. Erstaunlich, wie sich die Jungs hier auf Stadiongröße hochschrauben, ohne sich dabei allzu aufblasen zu müssen. Bevor das Szenario zur Coldplay-Ballade verkommt, wird die Song-Kathedrale durch Gitarrenfeedbacks und stolpernden Beats radikal zum Einsturz gebracht.

Bei den Songs auf „Echo Boy“ geht es im Grunde weniger um studiotechnische Fummelei – auch wenn die die EP für eine Eigenproduktion erschreckend gut klingt. Stattdessen stand am Anfang die Sehnsucht nach mehr, die hier fünfmal in umwerfende Gitarrenpopsongs kanalisiert wurde und für den Hörer zu jedem Zeitpunkt deutlich spürbar ist. Als Referenzpunkte könnten so unterschiedliche Bands wie die frühen Radiohead, Dinosaur Jr., Jimmy Eat World oder Readymade genannt werden. Aber nötig haben Calling Linus diese Vergleiche nicht, denn „Echo Boy“ steht ganz klar als die unverwechselbare Summe ihrer einzelnen Teile da. Dafür sollte Swoboda unbedingt mal mit Norman Blake ein paar Biere trinken gehen; die beiden würden sich mit Sicherheit auf Anhieb blendend verstehen. Eine Platte, die glücklich macht. Von einer Band, die auch genau weiß, wie das geht.

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