Calgary Folk Festival – Prince Park 27.7.06

von Sterereo am 2. August 2006

in Feierlichkeiten

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Ich liebe das Folkfestival. Nicht weil ich etwa plötzlich meine Liebe für die Folklore entdeckte habe, nein, deshalb nicht. Ich liebe es, weil die Tradition es so möchte, dass sich der Großteil des Publikums auf dem Rasen vor der Bühne gemütlich macht und nur ein Bruchteil am Rand steht. Zwergenwüchsige wie ich haben dann auch eine echte Chance etwas von der Bühne zu sehen. Und ich wollte Feist und Broken Social Scene im eigenen Land unbedingt sehen.

Beim alljährlichen Folk Festival in Calgary sitzen bis zu 13.000 Menschen auf dem Rasen und hören dieses Jahr Musik, wie die des Blade-Darstellers Kris Kristofferson, Macy Gray, Politlesbe Ani DiFranco und natürlich (Leslie) Feist samt der Broken Social Szene. Letztere beide zu verpassen, würde ich mir in diesem Leben nicht mehr verzeihen. Deshalb stand ich am Donnerstag pünktlich in der Schlange – zum Einlass bereit. Mitgebrachte Campingstühle durften aus Fair-Play Gründen nicht so hoch oder höher sein, dass ein Basketball darunter her gerollt werden könnte. Diese Regel ist mir nachher noch zu gute gekommen. Aber erstmal den Abstecher in den Biergarten. Zu den erwarteten Klängen von einem 08/15 Bob Dylan-Verschnitt lässt sich in ausgesprochen relaxter Festivalatmosphäre doch besonders gut trinken. Wer auch immer nach Bob auf die Bühne kam, klingt als hätte sie die Deutsch-türkische Staatsbürgerschaft. Ein klares Zeichen, dass bei dem Folkfestival wirklich nicht einfach nur Folk gespielt wird. Sehr erfrischend, auch wenn es sicher manch ein Folk-Hardliner abstoßend findet. Ich finde es toll und warte nur noch auf Fräulein Feist und ihre Torontoclique. Gerade als ich ein frisch gekapert und gezapftes Bier zum Mund führe, lassen mich die Töne stutzen. Höre ich dort etwa ihre engelsgleiche Stimme? Wieso darf ich in Kanada denn mein Bier nur im Biergarten trinken? Somit verpasse ich verunsichert schlürfend die ersten beiden Songs des Sets. Besorgt, ob ich noch einen vernünftigen Platz irgendwo nahe der Bühne finde, mache ich mich auf den Weg nach vorne. Zum Glück gibt es neben dem Campingstühlen- und Picknickdeckenmeer auch noch an den Flanken das Tänzer-Abteil. Sauber abgeschirmt durch orange Retro-Plastikzäune. Dort stehen die Leute wenig dicht gedrängt direkt vor der Bühne: perfekt. Taktisch genial am Zaun platziert, sehe auch ich abgebrochener Meter locker über die Sitzenden hinweg, direkt auf Leslie Feists schwarzes Cocktailkleid. Sie selbst hat ihre Highschool-Zeit in der Öl-Metropole (frisch die Millionen geknackt) Calgary verbracht und sich aus eben diesem Grund doch besonders bemüht. Und groovig wurde es direkt mit „Leisure Suite“ und „One Evening“ von ihrem zweiten Langspieler „Let It Die“. Für die Smashhits von eben diesem Album musste aber bis zur Zugabe gewartet werden. Der Lacoste-Werbesong „Mushaboom“ und das Bee Gees-Cover „Inside Out“ kamen dafür auch besonders gut an.

Danach fand eine wahre Umbauorgie auf der Bühne statt. Der Tisch wurde für Broken Social Scene gedeckt und ich schleiche mich immer näher und näher nach vorne. Damit der wartenden Meute nicht allzu langweilig wurde, gab es einen Jamaika-Raggae/Hip-Hop-Act zum Pausenfüllen. Netterweise ist der Mann mit den Dreads nach einer Handvoll Songs auch schon wieder verschwunden. Dann, nur wenig später, das Intro. BSS sind nur noch wenige Sekunden von ihrem Auftritt entfernt, die Leute springen über den Retrozaun und rennen fast die Campingstühle über den Haufen auf dem Weg vor die Bühne. Ich renne mit und bald trennt mich nur noch der Zaun von Kevin Drew und seinem Indie-Orchester. Freie Sicht für mich und freie Fahrt für die Musik. Zu allererst schleichen sich lediglich fünf Musiker auf die Bühne. Mit „Major Label Debut“ debütiert Broken Social Scene auf dem Calgary Folk Festival. Jedoch ohne jegliche weibliche Unterstützung. Seltsam. Doch egal, weiter geht’s mit einem „Handjob for Holiday“. Kevin haucht ins Mikro. Plötzlich kommen von hinter der Bühne sage und schreibe sechs (!) Bläser nach vorne und scharen sich um vier Mikrofone. Dazu spielt das Mädel, welches, ich mir sicher bin, in Bielefeld beim Stars/Bloc Party-Konzert gesehen zu haben, ihre Violine. Wundervolles riesiges Klangspektrum mit unerhört vielen Musikern. Doch wir haben den Höhepunkt noch lange nicht erreicht. Der Smashhit „Fire Eyed Boy“ wird abgefeiert. Jedoch scheint die Band seltsamst auf Minimalbesetzung geschrumpft zu sein. Lediglich drei Gitarren, ein Bass und Drums spielen den Song. Kevin Drew gibt sich redlich Mühe den Zauber auch ohne Leslie Feists gesangliche Unterstützung aufrecht zu halten. Doch wo ist sie? Sie kann doch unmöglich weit sein. Und tatsächlich: Wer streckt dort seinen Kopf hinter der Bühne her? Frau Feist! Jubel. Doch zu einem Auftritt sollte es jetzt noch nicht kommen. Dafür wird „Stars and Sons“ vom Zweitling „You Forgot It In People“ zu einem unvergesslichen Klatschhappening. Der bärtige Bassistenveteran Brendan Canning versucht einen Song anzusagen, wird aber rüde von Bandvorsteher Kevin Drew unterbrochen, der aufgeregt etwas ins Mikro ruft. Unter frenetischem Jubel kehrt dann Leslie Feist an den Tatort zurück. Die ersten Akkorde von „7/4 Shoreline“ lässt die gesamte vorderste Front in Wallung geraten. Danach darf dann auch Brendan seinen Song ansagen: „Superconnected“ – Auuwh! Auch ein blondes Mädel mit äußerst merkwürdiger Frisur tritt ans Mikro. Im Eifer des Gefechts erst fälschlich für eine stark typveränderte Amy Millan gehalten, ersinne ich mich, dass dies Aushilfssängerin Lisa Lobsinger sein muss. Diese hat ihren großen Auftritt beim 2002er Kultsong „Anthems for a Seventeen Year-Old Girl”. Träumerisch haucht sie die Textpassage „Park that car, drop that phone, sleep on the floor, dream about me” immer und immer wieder in das Mikrofon. Kopf in den Nacken, Augen zum Sternenhimmel, dieser Gig läuft perfekt. Was hätte ich für eine Tube Erinnerungs-Uhu gegeben um ihn für immer fest zu halten. Dann hätte ich allerdings Feists zweite Renaissance an diesem Abend verpasst. Bei „Almost Crime“ spielen sich Kevin und Leslie die Bälle nur so zu. Es ist traumhaft. Doch von dem was danach passiert, kann ich aufrichtig sagen, dass ich so etwas noch nie erlebt habe. Bei „Ibi Dreams of Pavement (A Better Day)“ von ihrer aktuellen Scheibe strömen alle Musiker auf die Bühne die zu kriegen sind. Ich zähle durch: 13 von ihnen stehen auf der Bühne. Spielen Gitarre, spiele Bass, spielen Drums, spielen Keyboard, spielen Trompete, Posaune oder singen einfach nur. Es ist berauschend. Jetzt sitzt auch Leslie an den Drums und hämmert was das Zeug hält auf die Felle. Das große Finale, es ist nicht „It’s All Gonna Break“, aber fast ebenso episch. Die Musik geht aus, die Lichter gehen an, Helfer gehen auf die Bühne und bauen ab. Nur ich will nicht gehen. Ich möchte bleiben. Ich möchte die Band spielen sehen, in ihrem unendlichen Klangspektrum versinken und nie wieder auftauchen. Doch langsam verfliegt die Magie, die Lichter der Wolkenkratzer bringen mich zurück auf die Erde, direkt in den Stadtpark von Calgary. Den Kopf mit Musik voll gestopft – bis an den Rand.

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{ 3 Kommentare… read them below or add one }

1 Hififi August 11, 2006 um 10:25 Uhr

Ich will ja jetzt nicht wie der letzte Besserpisser rüberkommen, aber die Formulierung „wie die des Blade-Darstellers Kris Kristofferson“ ist etwas irreführend. Das klingt so, als ob Kris Kristofferson die Rolle des Blade gespielt hätte.

2 Sterereo August 11, 2006 um 20:53 Uhr

Klugscheißer. 😛

3 Hififi August 12, 2006 um 15:52 Uhr

Was eindeutig viel lustiger gewesen wäre. Snipes sucks!

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