Broken Social Scene – Interview

von Sterereo am 30. Juni 2010

in Interviews

Post image for Broken Social Scene – Interview

Anscheinend der ganz normale Wahnsinn bei Broken Social Scene. Harte Nacht, neue Platte und laute Konzerte. Dabei einen kompletten Wandergruppe aus kanadischen Musikern im Night-Liner. Sichtlich übermüdet, tapfer den Rotwein umklammernd, setzt sich Andrew Whiteman zu mir in den Sonnenschein, der durch des Glasdachs im Kölner Bürgerhaus Stollwerck dringt.

Ihr habt zuletzt ein neues Album aufgenommen: „Forgiveness Rock Record“. Wie kriegt ihr alle die Leute zusammen ins Studio?

Zunächst sind ja nicht alle gleichzeitig im Studio. Auf dem Album sind 32 Leute zu hören. Wir sind eine computerbasierende Band. Wir nehmen digital auf, wir haben unglaublich viele Spuren auf denen wir arbeiten. Ein Song kann im Sommer, vielleicht Mai, sich entwickeln. Das war ungefähr zu der Zeit, wo wir erstmals zu John McEntire (Produzent des Albums, Anm.) nach Chicago gefahren sind. Dann dauert es eine Ewigkeit bis die richtigen Leute auftauchen. Wir nehmen in Gruppen auf. Niemals sind mehr als fünf oder sechs Personen im Studio. Charlie (Charles Spearin, Do Make Say Think, Anm.) und ich (Apostle of Hustle, Anm.) waren auf Tour, Emily (Hains, Stars, Anm.) hat ihre Gesangsteile in New York aufgenommen und wir haben etwas in Toronto aufgenommen, dann nach Chicago geschickt.

Du sagst es, diesmal habt ihr mit John McEntire aufgenommen anstatt wie sonst mit David Newfeld.

Kevin (Drew, Anm.) hat für sein Album „Spirit If“ John McEntire gefragt, ob er einen Remix davon machen möchte, doch er hat gesagt, das er viel lieber ein neues Broken Social Scene Album aufnehmen würde. Das ist Jahre her. Als wir dann in Chicago spielten sind wir bei ihm reingeschneit. Wenn wir zusammen irgendwo in einem Studio sind, spielen einfach drauf los, ohne zu wissen, was wir tun. Es war cool. Ganz langsam – denn John ist niemand der sich schnell öffnet – haben wir ihn kennen gelernt.

Das meiste der Aufnahme lief also in Chicago.

Richtig. Nur das Over-Dubbing haben wir in Toronto gemacht.

Wie war das? Erstmals nicht in Kanada aufzunehmen?

Das war großartig. Du bist sehr viel fokussierter, weil dich nicht so viel ablenkt. Wir haben uns ein Haus gemietet und Fahrräder gekauft. Chicago ist absolut flach. Ständig waren wir mit den Rädern unterwegs, was sich nach einem langen Studiotag nach zwölf Stunden einfach toll anfühlt.

War das eher intensive Arbeit oder Urlaub?

Ich würde sagen ein intensiver Urlaub! (lacht)

Lisa Lobsinger, die schon lange mit euch live auftritt, ist erstmals auf dem Album zu hören.

Großartig, dass du das ansprichst! Sie ist schon so lange dabei. Genauso wie Sam Goldberg, er ist auch erstmals auf dem Album. Es ist toll, denn in meinen Augen gehört Lisa zum Kern der Gruppe. Dadurch ist ihr Selbstbewusstsein viel stärker geworden. Wir haben eine tolle Zeit momentan. Es fühlt sich sehr nach einer soliden Band an. Sehr viel mehr als zuvor. Jeder konzentriert sich momentan sehr auf Broken Social Scene.

Also seid ihr gerade mehr eine Band, als das viel zitierte Kollektiv.

Ich denke schon. Du musst bedenken, wir sind total unorganisierte Chaoten. Wir haben keine Ahnung von nichts, sind immer durcheinander. Doch jetzt gibt es diesen vagen Zusammenhalt, den es vorher noch nicht gab.

Schreibt ihr also zusammen an den Songs?

Es kommt stark drauf an. Meistens bringt Kevin seine Ideen in die Gruppe. Bei diesen Songs singt er dann. Ich schreibe aber ebenso manche Texte, die dann ich singe. Genauso ist es bei Brendan (Canning, Anm.). Emily hat geschrieben, was sie singt. Eine Menge Leute bringen sich ein.

Dabei flucht ihr gerne mal. Muss es einfach mal sein, „Motherfucker“ zu sagen?

Oh, Motherfucker ist nicht unbedingt ein tolles Schimpfwort mehr in der heutigen Zeit.

Was wäre denn ein gutes Wort deiner Meinung nach? „Fuck“ ist auch ziemlich ausgelutscht.

Ich habe mal als Lehrer gearbeitet, da habe ich eine ganze Stunde zu dem Wort „fuck“ gegeben. Das wollten die Schüler! Die Magie von „fuck“ ist verschwunden, denn es kann so vieles bedeuten. Die Rede ist nicht mehr nur von Sex. Irgendwas kann kaputt sein, oder jemand ist besoffen oder es ist scheiß egal. Es kann ein (zählt mit den Fingern) Verb, Nomen oder Adjektiv sein. So ist das. Aber mal sehen, was ist das dreckigste Wort, das ich kenne? Katholizismus! Nee, oder Intoleranz. Das ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann.

In euren Songs sind teilweise vollgepackt mit Instrumenten, Stimmen und Sounds. Unzählige Stunden an Aufnahmen. Was machen die Leute, wenn andere einspielen?

Gute Frage. Bei Johnny im Soma-Studio ist es so, dass vielleicht einer aufnimmt und zwei dabei zusehen. Einer schläft auf der Couch und zwei oder drei sind irgendwo im Studio und holen sich einen Kaffee oder so. In einem Nebenraum, nicht größer als ein Wandschrank, standen ein paar Geräte. Wir nannten das „Studio B“. Wenn du also dabei bist überzuschnappen, gehst du dahin und spielst.

Ständige Jamsessions?

So in der Art. Wir sind alle viel zu hibbelig. Man kann nicht einfach rumsitzen und warten, bis du an der Reihe bist. Du wirst verrückt! Dann wird noch etwas aufgenommen, was später möglicherweise einem Song hinzugefügt wird. Oder komplett neue Stücke. Am Ende hatten wir 42 halbfertige Songs dadurch. Du musst dich einfach beschäftigen.

Klingt so, als sei ein weiteres Album unterwegs.

Wir haben dort eine EP aufgenommen, die heißt „Lo-Fi For The Dividing Nights“. Die gibts mit einem Gutschein-Code über das Internet. Die Musik geht mehr in Richtung Ambience. Doch da ist ein weiteres, komplettes Album auf der hohen Kante. Im Februar kommen wir vielleicht darauf zurück und machen es fertig. Stell dir das doch mal vor, wir haben 42 Songs und nur 14 sind auf dem aktuellen Album!

Wie schafft ihr das? Euch zu einigen, welche Songs es auf das Album schaffen? Gibt das keinen Streit?

Nein, Streit gibt es nicht. Jeder hat seine Meinung, doch wir sind keine Demokratie. Am Ende ist es Kevins und Brendons Entscheidung.

Doch wenn jemand einen Song wirklich liebt…

Dann geht derjenige natürlich die Wände hoch und sagt: „Der muss auf das Album!“ So wie „Highway Slipper Jam“, der hätte es fast nicht geschafft, obwohl er super ist. Aber Sammy hat sich sehr dafür eingesetzt: „Leute, wir müssen mal runterkommen und den Hörern eine Auszeit gönnen.“

Wer sing da eigentlich am Anfang: „Dibidabidubidadada“?

(lacht) Das ist Justin (Peroff, Anm.)! Das ist das erste Mal, dass seine Stimme zu hören ist und dann dieses Gejodel!

Auf einem der Lieder sind sogar Amy Millan, Leslie Feist und Emily Hains zusammen zu hören. Das ist auch eine Premiere.

Ja, richtig. So ist das eben bei uns, du weißt nie, was passiert und wann es passiert. Wir waren nicht sicher, wie wir die Mädels zusammen bekommen, doch es hat geklappt. Emily singt hauptsächlich bei „Sentimental X’s“. Amy und Feist waren zu der Zeit in Toronto, der Rest aber in Chicago. Ein Freund von uns hat dann mit beiden in Kanada aufgenommen und uns die Aufnahmen geschickt.

Dann waren die drei nicht im selben Studio.

Nein, das ist wirklich schwer zu realisieren.

Die sind ganz schön beschäftigt, was?

Die treiben sich ständig irgendwo rum!

Wieviele Leute nehmt ihr eigentlich mit auf Tour?

(zählt an den Fingern, murmelt) … sechs, sieben, acht. Wird sind acht. Alle zusammen im Bus. Dann noch Marty, er mischt uns ab, er gehört praktisch zur Band. Dazu kommt noch die Crew, Merchandise und Managment.

Keine Privatsphäre für die nächsten Wochen.

Wochen? Zwei Jahre! Wir machen immer weiter. Zuhause spielen wir noch und dann einige Festivals in Europa. Dann Asien, Nordamerika, Mexico, Australien das wird eine harte Zeit.

Wie geht es eigentlich den ganzen Freunden von euch, die zwar auf der Platte sind, aber die nicht auf Tour?

Den Bärenanteil der Lieder spielt sowieso der harte Kern ein. Die Gäste auf den Alben bringen nur kleine Melodien oder Texturen ein, kleine Dinge hier und da. Viel Background-Gesang.

Aber gerade bei den alten Sachen stammt viel von Feist oder Leuten von Stars oder Metric.

So ist das nunmal, die haben ihr eigenen, sehr erfolgreichen Karrieren. Feist und Metric beispielsweise, das ist unglaublich, wie erfolgreich die sind.

Muss an Toronto liegen.

(lacht) Au Mann, wir sind einfach nur Glücksschweine.

Wie ist das überhaupt mit der „Broken Social Scene presents:..“-Reihe? Kommt da noch was?

Can’t see that happen, bro. Ich persönlich denke, das war billig und blöd. Zu der Zeit hatte Kevin kein besonders großes Selbstbewusstsein, sich als Kevin Drew auf die Bühne zu stellen, also hat er sich das mit (Hohlbirnenstimme:) „Broken Social Scene presents:..“ ausgedacht. Brendon hat dasselbe getan. Ich finds dämlich! Die beiden waren einfach zu nervös: Mensch, packt euren Namen darauf! So sind die Künstler. (grinst) Weißt du eigentlich was manche Leute über uns sagen? Wenn ihr euch nur auf diese eine Band konzentrieren würdet, alle, dann könntet ihr ganz dick im Geschäft sein. Dann sage ich, dass geht nicht. Du brauchst ein Leben. Indie-Rock ist so groß (reißt die Arme auseinander). Leben ist so groß (noch weiter) und Indie-Rock so groß (wieder zusammen). Wer weiß, was passiert wenn wir das nächste Album im Februar rausbringen? Fuck it, we are done. Die Leute wolle was neues, Kevin will Regisseur werden und das wird er gut machen. Charlie wird 12-Ton-Musiker, denn er ist ein Wissenschaftler. Ich gehe nach Spanien und lege Tarokarten. (lacht) Indie-Rock? Scheiß drauf!

Share Button

{ 0 Kommentare… add one now }

Previous post:

Next post: