BootBooHook – Hannover, 24. – 26.08.12

von Sterereo am 2. September 2012

in Feierlichkeiten

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„Musik wird oft nicht schön empfunden, // Weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ Dichtete einst der weise Wilhelm Busch. Über diesen unglücklichen Umstand ärgerten sich die Nachbarn des BootBooHook des vergangenen Jahres. Gerade mal das dritte Festival aus der Tapete-Geräuschschmiede war vorbei und schon war es heimatlos. Was machen die daraus? Das Beste!

Denn das neue Gelände ist schön. Expo lässt grüßen: In Sichtweite zu einem gigantischen Wal-Pavillion (und dem phallischen Blickfang eines schwedischen Möbelriesens) leuchtete die Hauptbühne um Aufmerksamkeit. Dazu gesellten sich zwei Zelte, wovon eines aussieht, als würden darin unter der Woche Elefanten ihre Zirkusnummern proben. Hinter dem Deich dann das Campinggelände. Leider etwas weiter weg vom Parkplatz, aber wofür haben Möbelhäuser Schubwagen? Das Wetter hält, die Frisur und das Zelt auch, so kann endlich die Musik genossen werden. Daran scheiterte es in der Vergangenheit des BootBooHook auch schon nicht. The Notwist, Hot Chip und die ewigen Tocotronic waren in der Vergangenheit Headliner. Letztere sind diesmal wieder da. Leider langweilig, so die einhellige Meinung. Aufgeweckter vorher die bunten Vögel von Of Montreal am ersten Festival-Tag. Ihr dringender Indie-Rock passte gut zur extravaganten Klamotte. Später des Abends kommen die Audiolith-Jünger auf ihre Kosten. Zuerst mit Ira Atari in der Manege und später bei der Kopfhörer-Disko im Volksfestzelt. Zum Glück ist da bereits zu kalt für bedruckte Unterhemden und zu dunkel für Raver-Brillen. Hach, Vorurteile!

Die gibt es auch zuhauf über Festivalbesucher. Da titelt die heitere Hannoversche Allgemein bereits am Samstagmorgen von einem „Hauch von Woodstock in Hannover“. Dazu ein Bild von einer blassen Studentin die gerade anscheinend ein paar Seifenblasen herausgefurzt hat. Von wegen Schlammschlacht und LSD! Genug Duschkabinen und gratis Kaffee: So sieht das aus! Eher ein Hauch von Campingfreunde Silbersee. Aber das verkauft sich schlechter. Anders die blonden Finnen von French Films, denn die verkaufen sich hier sehr passabel. „Joy Division, nur fröhlicher“, heißt es vorher. Dass haut ungefähr hin. Tiefe Stimme, fröhliche Melodien, die aber genug New Wave transportieren. Ein schöner Start in den Tag, zusammen mit dem heißen Kaffee. Danach bezaubern an gleicher Stelle The Hundred in the Hand. Doch ein wenig verloren sieht das Duo auf der großen Bühne mit ihrem Electro-Pop doch aus. Damit haben We Have Band ein paar Stunden weitaus weniger Probleme. Tolle Präsenz, starke Songs mit drückender Stimmung, die bis zum Mischpulthochhaus und darüber hinweg reichte. Sehr viel intimer ging es vorher bei Gravenhurst zu. Der sehr unscheinbare Brite hatte diesmal Verstärkung in Form einer elektrischen Gitarre und einer weiblichen Rhythmusfraktion dabei. Bis auf die obligatorische, abschließende Lärmorgie ist Nick Talbots Set geprägt von verletztlichen Liedern und tollem Gitarrenspiel. Im Zirkusabteil sorgt derweil die Technik für ewige Warterei auf den Holländer Blaudzun samt Wohnwagenbesatzung. Was tatsächlich bedeutet, dass Geigen, Akkordeon, Glockenspiel und zusätzliche Trommeln angekarrt wurden. Grandioser Indie, manchmal mit Arcade Fire-Einschlag und absolut überzeugend. Aktuelles Album: Heavy Flowers. Auf der Hauptbühne sind dann The Whites Boy Alive gegen jeden Zweifel erhaben. Nicht umsonst sind die Berliner um Erlend Øye einer der Headliner der drei BootBooHook-Tage. Die Formel wirkt, es werden Fahnen geschwenkt, mit den Stiefeln gestampft: Firework!

Der Abschiedstag kommt etwas durchwachsen daher. Da helfen auch die abgedrehten Ansagen vor den Konzerten nicht viel, die lyrisch irgendwelche Sonnenaufgänge bedichten. Als wäre es an solch einem Morgen nicht schon schwer genug sein Frühstück zu behalten. Aber es muss wohl sein, wenn die darauffolgenden Künstler sich Next Stop: Horizon nennen. Der Indie-Pop ist bezaubernd und verschroben, bietet aber neben Licht auch Schatten, ähnlich wie der Himmel an diesem Sonntag. Manch einer ließ sich davon nicht abschrecken und lobte besonders den Auftritt des 30-jährigen Gitarrenspielers, der sich Isbells nennt und verzaubertes Singer-/Songwritertum bietet. Echte Frauen, die sich dafür aber Boy nennen, veredeln dann das Festivalwochenende. Möglicherweise pfeift der Wal immer noch etwas von Little Numbers.

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