BootBooHook-Festival 2010

von Hififi am 29. September 2010

in Feierlichkeiten

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Der imaginäre Oscar in der Kategorie „Festival mit den meisten ‚o’s“ geht ganz klar an Hannover und das BootBooHook. Ebenfalls nominiert für „schickste Location Niedersachsens“, „liebevollstes Line up Hannovers“ und „abgehetztester Band-Ansager“. Doch bei aller Eile von Bernd Begemann, das Festvial an der A 2 dürfte spätestens jetzt bei allen ambitionierten Festivalgängern mit einer hübschen Stecknadel in der ADAC-Straßenkarte unübersehbar markiert sein.

Freitags scheint es Petrus gut mit der dritten Ausgabe des Boot Boo Hook-Festivals zu meinen und stellt für zwei Tage den Regen ab. Bei eitel Sonnenschein im Gras rumfläzend, lassen sich The Horror The Horror aus Stockholm ganz gut aushalten, aber wirklich begeistern kann ganz allgemein die Mischung aus Wave und Indie nicht mehr wirklich und im Speziellen sind die fünf Schweden nicht in der Lage, es durch exzellentes Songwriting wieder auszugleichen. So bleibt zwar der originelle Bandname – angelehnt an Mr. Kurtz letzte Worte in Joseph Conrad’s beklemmender Erzählung „Herz der Finsternis“ – im Gedächtnis, das Liedgut hingegen leider nicht. Tragischerweise spielen im Folgenden die alteingesessenen Wedding Present und die Neulinge von den hundreds einigermaßen zeitgleich, was mich in schwere Gewissenskonflikte verwickelt. Letztendlich entscheide ich mich für meinen fünften hundreds-Gig, was schmerzt, weil David Gedge vor meiner Abwanderung verkündet, heute nur Songs vom 89er Meilenstein „Bizarro“ zu spielen. Im Mephisto, dem vielleicht knapp 150 Leute fassenden Club, erwarten uns gefühlte 100 Grad, und eine fast tropische Luftfeuchtigkeit. Aber bange machen gilt bekanntermaßen nicht. Doch es lohnt sich und so schauen die Geschwister Milner nach Beendigung eines auch für sie schweißtreibenden Auftritts etwas ungläubig, aber sichtlich gerührt in die begeisterten Gesichter der Anwesenden, die nicht müde werden zu klatschen. Songs wie „Solace“, „Fighter“ und „Let’s Write The Streets“ sind von zeitloser Güte, die das selbstbetitelte Debüt am Ende des Jahres in die Jahrescharts einiger Musikkundiger spülen wird. Dann (mal wieder) Friska Viljor. Es ist glasklar, weshalb sie ein ums andere Mal für Festivals gebucht werden, denn sie versprühen nun einmal gute Laune, die nach ein, zwei Songs oftmals entweder zu ausgelassenen Ausdruckstänzen oder doch zumindest zu schunkelnden Bewegungen veranlasst. Ein echtes Problem stellt der stellenweise doch arg zusammengeklaute Indie-Pop der Schweden dar. Man möge bitte „If I Die Now“ mit „Tonight I Have To Leave It“ von den Shout Out Louds vergleichen, die den vergleichsweise interessanteren Cure-Pop spielen. Friska Viljor sind allerdings eine Bank, wenn es darum geht, die Leute anzuheizen und grundsympathisch. Die wesentlich originellere Musik aus Schweden liefern seit einiger Zeit die Hellsongs aus Göteborg mit ihrem „Lounge Metal“. Metal und Hard Rock-Klassiker werden bis aufs Songgerüst entblättert, auf Folk getrimmt und von Siri Bergnéhrs Gesang in die Güteklasse Leslie Feist überführt. Als ersten Song spielen sie „Seek & Destroy“, was einzig am Text erkennbar ist, um ca. fünfzehn Minuten später „Blackened“ vom knochentrocken produzierten „…And Justice For All“ von Metallica nachzuschieben. „We’re Not Gonna Take It“ von Twited Sister wird zum Fetenhit umfunktioniert und in grenzwertigen Männlein vs. Weiblein-Chören unterteilt. Nicht meins (was die Interaktion mit dem Publikum betrifft), aber die rappelvolle 60er Jahre Halle ist absoluten im Einsatz. Um etwa 21.40 Uhr betreten The Notwist die Bühne der Mainstage. Martin Gretschmann und die Gebrüder Acher erinnern mich an die „Drei ???“, wie sie da völlig unbeteiligt wirkend auf die Bühne schlendern. Fragezeichen, weil es einfach nicht vorherzusagen ist, was folgen wird. Sie sehen eben einfach nicht nach den ausufernden Dub- und Noise-Attacken aus, wie sie sie gerne in die heimlichen Hits hineinbefehligen. „Pick Up The Phone“ und vor allem „Pilot“ stehen heute knietief in der Improvisation und gerade Gretschmann übernimmt am heutigen Abend eine tragende Rolle. Noise ist eben nicht nur Gitarrenkrach, sondern ebenfalls Consoles Spiel mit verfremdeten Melodien, oder eben einfach eine Anhäufung merkwürdiger Soundschnipsel. Markus Acher malträtiert derweil gerne mit Plektrum bewaffnet seinen Gitarrenhals, während er sich um die eigene Achse dreht, so dass an manchen Stellen sein Gesang ein wenig atemlos wirkt. Nach ungefähr zehn „remixartigen“ Songs und einem wirklich atemberaubend guten Auftritt der Weilheimer ist um 23 Uhr Schluss auf der Hauptbühne, das Boot Boo Hook findet nämlich in einer Wohngegend statt. Mir fehlt ernsthaft die Lust, mich mit den übrigen fast 5.000 Anwesenden in zwei mehr oder weniger große Hallen zu drängen, weshalb ich es für heute Abend gut sein lasse.

Den Samstag beginnt Dirk Darmstädter, seines Zeichens Tapete Records-Gründer und Veranstalter des Festivals, sagt zur Mittagszeit Francesco Wilking an, der die fehlenden Bambi Kino ersetzen darf/ kann/ muss. Ich kenne Bambi Kino nicht, weshalb sie mir nicht fehlen und als ich nach wenigen Minuten ins Gretchen (Biergarten) übersiedle, sind die Songs des Tele-Sängers fast schon vergessen. Singer/ Songwriter in Richtung Bob Dylan? Damit tut man sich selbst nun wirklich keinen Gefallen. Bernd Begemann ist ebenfalls ein Tapete-Urgestein und nicht zuletzt ein ewiger Zu-Spät-Kommer, was ihm einen lächerlich kurzen Soundcheck und einen zeitlich verkürzten Auftritt beschert. Angsterfüllt beobachte ich Beges Hose, die zumindest zwar gut „begürtelt“ scheint, dafür aber auf Halbmast hängt – aber es geht noch einmal gut. Eine gewohnt verwirrte Einleitung später schmettert uns bereits ein „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“ um die Ohren. Trotzdem macht das wahrscheinlich großteils heimische Publikum brav mit bei den Chor-Spielerein. Dann schnuppere ich für fünf Minuten die verschwitzte Sauna-Luft des Mephisto und erlebe L’uke, wie sie gerade das „Ghostbusters“-Thema zum Besten geben, nur mit Gesang und Ukulele, was mir wiederum gute Laune bereitet. Daniel Adler und Karin Reilly wissen mit geringem Aufwand größtmögliche Wirkung zu erzielen und dabei zuzusehen, ist inspirierend. Berd Begemann überschlägt sich fast, während er The Go! Team aus Brighton ankündigt, was ein wenig albern rüberkommt. Ein willkommenes Stichwort um den Auftritt des multikulturellen Sextetts zu beschreiben, denn wie ernst lässt sich eine Melange aus Old School Hip Hop, kreischenden Indie-Gitarren und 70’s Funk nehmen? Ernst genug, um einen ambitionierten Auftritt hinzulegen, der zwar weniger soundgewaltig (als auf Konserve) ausfällt, dafür aber dem Publikum immens viel Tanzfreudigkeit beschert. Auch auf der Bühne steht der Spaß und die Abwechslung an erster Stelle, denn jeder darf mal an jedes Instrument, wie wichtig dabei die technische Raffinesse im Bandkredo verankert scheint, beantwortet sich praktisch von selbst. Ninja, von Haus aus unser MC des Vertrauens, rappt wie Ya Kid K von Technotronic und veranstaltet ganz nebenbei eine Gymnastik-Stunde, also wollte sie sich an der Fame Academy bewerben. Und bei zwei Drum Kits auf der Bühne findet sich natürlich die Zeit eine paar Rhythmen beizusteuern. Das bunte Treiben ist jedenfalls äußerst unterhaltsam und lässt die schwächeren Songs des zweiten Albums „Proof Of Youth“ schnell verzeihen, die des ersten („Thunder, Lightning, Strike“) sind ohnehin bärenstark. Bei nur zwei Festival-Auftritten dieses Jahr ist es natürlich etwas besonderes Hot Chip auf der Bühne sehen zu dürfen. Ich würde mich jetzt gerne irgendwie herauswinden aus der Nummer und erzählen, wie sehr mich das Bohei um die Londoner mitreißt. Wäre nur leider gelogen. Ich versuche es an diesem Abend immerhin zum zweiten Mal (ich lasse mir da also nichts vorwerfen!) und muss konsterniert zu Protokoll geben, dass ich diesen Hype einfach nicht verstehe. Ein bisschen fühle ich mich an Delphic erinnert, die sich Thomas Anders am Mikrofon gesichert haben, nur dass Thomas Anders aussieht wie eine Mischung aus River Cuomo und Wigald Boening und eigentlich auf den Namen Alexis Taylor hört. Ich weiß auch, was mich stört: der Sound ist mir zu glatt. Electro, oder wie in diesem Fall der vermehrte Einsatz von Synthies sollte für mich etwas „indiehaftes“ haben, einfach ein paar Ecken und Kanten stehen lassen. Hot Chip sind, was dieses Kriterium angeht, näher am Schlager als am Puls des Indie. Da wollen sie auch nicht sein, das weiß ich wohl. Aber sie werden halt geliebt, denn „Indie“ ist gerade in der heutigen Zeit der „zweite Mainstream“ geworden (nicht nur modisch) und dann reicht es oft, wenn die Spex abfeiert und ein Beitrag für Tracks (Musiksendung auf arte) gesendet wird, den Rest erledigt die Internet-Community. Anders kann ich mir Hot Chip nicht erklären. Allerdings sind sie den übrigen Festivalbesuchern ein würdiger Headliner und genau aus diesem Grunde wurden sie gebucht.

Das Boot Boo Hook hat sich mit dieser Ausgabe als weiteres, kleines Liebhaber-Festival etabliert, denn zwischen Orange Blossom Special und Haldern Pop ist durchaus noch Platz genug. Nur ist es nach 23 Uhr (nachdem auf der Hauptbühne der Betrieb eingestellt wird) den Meisten der Besucher nicht unbedingt möglich, die restlichen Bands zu sehen. Und das ist leider ein nicht unerhebliches Manko.

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