Berlin Festival 2011

von sisilein am 15. September 2011

in Feierlichkeiten

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Das Berlin-Festival 2011 fand am 09. und 10. September wieder auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof statt. Das letztjährige noch problematische Konzept wurde dieses Jahr durch die Hinzunahme des Arena-Areals als Nachtlocation wesentlich verbessert und ist voll aufgegangen. Damit ist klar, wo das Festival hin will, nämlich in die Top-Riege der europäischen Festivals.

Am Freitag komme ich so gegen 14 Uhr auf dem Flughafengelände an. Wie jeder andere Flughafen bot auch das Festival die Möglichkeit des Vorabend-Chek Ins, was mir die Warterei in der Bändchen-Schlange erspart. Im Hangarbereich, der eigentlichen Festival-Area angekommen, begrüßt mich ein Bass, der mir durch Mark und Bein geht.

James Blake eröffnet gerade mit seinem Konzert das Festival und lässt kräftige Dubwalzen übers Gelände rollen. Den Soundtest hat die Anlage damit schon mal bestanden. Trotz der frühen Stunde sind schon etliche Besucher vor der Bühne und feiern den jungen Londoner. Der freut sich über den Zuspruch und verabschiedet sich mit einem schönen Piano-Stück.

Im Hangar5 folgt dann Alex Winston, die zwar mit klarer Stimme punktet, mich aber mit ihrem einfachen Pop nicht wirklich überzeugen kann.

Ganz anders mein erstes Highlight des Freitags: Dry The River. Mit vielen Vorschusslorbeeren durch ein vor abendliches Konzert im Berliner Maschinenhaus gestartet versprachen sie Großes und können dies im kleinen Hangar4 halten. Der perfekte dreistimmige Gesang, die immer präsente aber nie aufdringliche Geige und der schnelle Wechsel von verträumten Passagen zu energetischen Instrumental-Ausbrüchen, die aber nie schrammlig wirken, ziehen mich voll in den Bann. Eigentlich wollte ich mir noch was vom gleichzeitig spielenden französischen Elektropop-Prinzesschen Yelle anschauen, aber hier kann ich einfach nicht weg. Zu bemängeln ist der Sound in den Hangars 4 und 5, der nur mittig vor den Bühnen gut ist. In den anderen Bereichen der Hangars ist es leider viel zu leise.

Zurück zur Hauptbühne und einem Themenwechsel mit The Rapture. Auf die New Yorker habe ich mich gefreut und werde von ihnen nicht enttäuscht. Trotz ständiger technischer Problemchen, geben sie alles. Erst feiern sie ihre alten Hits ab, nehmen dann im zweiten Teil des Gigs den Punk raus und schalten für die Songs des gerade erschienen neuen Albums zusätzliche Elektronik ein. Das Publikum geht nicht weniger mit, was Sänger Luke Jenner zum Crowdsurfing veranlasst. Die Menge revanchiert sich mit einer amtlichen Bierdusche. Geil! Erwähnenswert ist noch Gabriel Andruzzi. Der bedient einmal Keyboard und die durch die Band populär gemachte Kuhglocke, und überzeugt vollends als wohl coolster Saxophonist unserer Zeit (RIP Clarance Clemons).

Die nächste New Yorker Band kommt gleich hinterher. The Drums. Not my cup of tea. Für mich klingen die Lieder irgendwie alle gleich und unspannend. Immerhin kann der Sänger mit seinem schlaksigen Getanze die Mädchen in der ersten Reihe begeistern.

Also weiter zu CSS, die fast zeitgleich spielen. Ich sehe die zum ersten Mal und kann während der ersten beiden Lieder den Hype um die Brasilianer nicht verstehen. Kann doch jede Schulband. Doch dann startet die durchgeknallte Frontfrau ihre Bühnenshow und alles klärt sich. Stück für Stück entblättert sie sich und mutiert dabei zum Trash-Vampir. Hüpft wild über die gesamte Bühne und macht Seilspringen und andere Arten der rhythmischen Sportgymnastik mit dem Mikrokabel. Die Show ist eine Rakete und auch die Musik wird catchyer. Da sage ich mir: yes, i can feel you. Der Rest des vollen Hangar5 scheint das gleiche zu denken und tanzt kollektiv mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Crowdsurfing scheint hier jetzt zum guten Ton zu gehören und so schmeißt sich auch die CSS-Frontfrau ins tosende Publikum.

Im selben Hangar folgt gleich danach der Auftritt von Hercules And Loveaffair. Was für ein feiner Schachzug der Organisatoren, führen sie doch das von CSS schon praktizierte Konzept der Achtziger-Reminiszenz zur Perfektion. ATARI-Sounds und Elektrobeats (früher Breakdance-Elektro) bringen die Crowd zur Ekstase. Die drei an den Mikros tanzen was das Zeug hält und Andy reißt sich zum Schluss sein bauchfreies Shirt vom Alabaster-Körper. Ein Kracher.

Prime Time auf der Hauptbühne mit Primal Scream. Die feiern 20jähriges Jubiläum ihres Screamadelica Albums. Leider merkt man den Produktionen die Jahre an und für die Tour wurden sie anscheinend nicht weiter aufgefrischt. Die Band schleppt sich so durch die Lieder und ergeht sich stellenweise in langatmigen Soli. Auch die Songs wirken unnötig gelängt. Für mich ein enttäuschender Auftritt. Immerhin halten sie sich nicht nur an Screamadelica fest, sondern spielen auch ihren 2006er Hit „Country Girl“.

Als letzte Band des Tages bespielen Suede die Main Stage. Als Mitbegründer des Britpop waren sie beim Battle der großen Zwei doch immer ein wenig außen vor und mir früher zu schwülstig. Trotzdem haben sie sich in den Neunzigern eine treue Fangemeinde erspielt und Brett Anderson weiß, was er ihr schuldig ist. Vom ersten Song an ist Feuer in der Show. Wie ein Derwisch turnt er über die Bühne, als wärs sein letztes Konzert. Die tolle Stimme haben die ebenfalls mehr als 20 Jahre auf der Bühne nicht verändert, und sie wirkt live weit weniger samtig als von Platte. „Animal Nitrate“, das gleich als zweites Lied gespielt wird lässt die Menge jubeln. Das langsame „The Wild Ones“ gerät zum intensiven Erlebnis, das der Sänger mit den Fans direkt an der Absperrung teilt. Tempo und Intensität werden den ganzen Auftritt über gehalten. Keine Spur von Altersmüdigkeit. Sehr überzeugend.

Dann muss ich aber los, da ich ja noch in den ClubXberg will, und aus früherer Erfahrung befürchte ich für den Einlass schlimmstes. Also schnell zum Shuttlebus und ab geht die Fahrt. Am Arena-Gelände dann Entwarnung. Zwar steht vor der dortigen Abendkasse eine lange Schlange, aber direkt am Einlass ist alles ganz entspannt. Und das bleibt auch die ganze Nacht so. Wunderbar.

Musikalisch gesehen ist es dort für mich nicht ganz so berauschend. Andy Butlers Chicago-House-Set ist mir eine Spur zu trocken. Außerdem muss der Gute noch ein wenig an seiner Technik feilen. Diplo bringt die Massen mit seinem verschärften Baile-Funk wirklich zum kochen, nervt aber mit ständigen „Berlin-Fest, make some noise“ und „Hands in the air“ Skandierungen, bei denen er auch noch den Sound ganz runter dreht. Auf ATRAK hatte ich mich gefreut. Aber der kann mit seiner bratzigen Mischung aus Techno und Elektro (Technolektro?) niemanden wirklich kicken. Auch die weltmeisterlichen Scratcheinlagen reißen da nichts mehr. Die ganz große Abfahrt bleibt leider aus und so schaue ich beim verlassen der Arena doch mehr müden als begeisterten Menschen ins Gesicht.

Mein Samstag beginnt mit Housse De Racket. Die zwei Franzosen haben leider ihre sonst gewohnte Tennisverkleidung zu Hause gelassen. Mit ihrem sehr tanzbaren und mit Elektronik gespicktem typisch französischen Indierock bringen sie mich zum ersten mal am Tag ins Schwitzen.

Eine schwedische S-Bahn-Bekanntschaft legte mir Firefox AK ans Herz. Die Band aus dem Land der Elche kann mich mit ihrem seichten Schwedenpop aber nicht wirklich überzeugen. Zur Unterstützung kommt noch Tiger Lou für ein Lied auf die Bühne und immerhin habe ich zum ersten Mal seit meiner Grundschulzeit mal wieder Klanghölzer im Einsatz gesehen.

Die zwei Acts spielten in Hangar5 und auch Kraftklub bekommen hier ihren Einsatz. Das uniforme Outfit der Jungs erinnert an Manchester Rude Boys und musikalisch liegen sie davon gar nicht weit entfernt. Sie kommen aber aus Karl-Marx-Stadt (als Eingeborenen dürfen sie die Stadt so nennen) und bezeichnen ihren Sound als „Tanzmusik mit deutschen Texten“. Das garnieren sie mit einer gehörigen Portion Punk und Verschmitztheit. Das Publikum nimmt das Motto an, verwandelt den Hangar in einen tanzenden, springenden Mob und schenkt nebenbei dem Festival den ersten Mosh-Pit.

Das erste Hauptbühnen-Konzert, das ich mir Samstag angucke ist Beirut. An den habe ich gar keine Erwartungen, weil ich seine polkaeske Herangehensweise nie wirklich leiden konnte. Live kann er mich aber wirklich überraschen. Vielleicht liegt es an der Folk-Welle, die einen an Akkordeons und Blechbläser gewöhnt hat, jedenfalls nerven mich diese Instrumente bei seinem Gig überhaupt nicht mehr. Alles passt sehr harmonisch zu seiner hervorragenden Stimme. Bevor ich mich aber ganz von seiner Musik davontragen lasse, erinnere ich mich an eine mitgelauschte Empfehlung.

Buraka Som Sistema sollen richtig Party machen, und neugierig reiße ich mich von Beirut los und strebe wieder in den Hangar5. Die Portugiesen haben schon angefangen und, oh Mann, sie lassen´s krachen. Ich kann das gar nicht richtig einordnen, was ich da höre. Afrikanische Rhythmen mit Breakbeats und aggressivem Toasting werden hier zu einer schweißtreibenden Live-Show kombiniert. Nicht zuletzt das sexuell aufgeladene Treiben der drei MCs (die weibliche MC kann Sachen mit ihrem Hintern…) sorgen dafür, das die Leute ekstatisch abgehen..

Die Main Stage wartet nach Beirut mit maximalem Kontrast auf. Boys Noize erweist wie schon letztes Jahr dem Festival die Ehre. Mit seinem brachialen Elektro trifft er genau den Nerv der Masse. Pumpt einen Brecher nach dem anderen, der Beat kennt keine Atempause, Nebelkanonen und Flammenwerfer heizen zusätzlich ein, alles tanzt – und plötzlich ist der Sound weg! Nur die Monitorboxen funktionieren noch, weshalb Boys Noize von der Panne offensichtlich gar nichts mitbekommt. Nach einer quälenden Minute ist der Sound mit einem Schlag wieder da und das ganze Flugfeld dreht komplett durch. Das ist fraglos DER Act dieses Festivals.

Danach bin ich erst mal fix und fertig. Lasse die Beginner links liegen und schaue kurz zu Mogwai rüber, für deren Dauergeschrammel ich aber jetzt keinen Nerv hab.

Eine SMS ruft mich, kurz bevor ich schon den Bus Richtung ClubXberg besteigen will, nochmal in den Hangar5. Dort zieht The Bloody Beatroots Death Crew 77 ihre aberwitzige „Church of Noise“-Show ab. Blitzschnell switchen die maskierten Italiener zwischen Elektro, klerikalen Hymnen und 90er Hardcore. Für letzteres haben sie sich sogar einen Screamer mit ins Boot geholt. Wieder bin ich echt verwirrt, aber die Jungs sind High Energy und sehr sehenswert.

So, jetzt aber ab zum Club. Der Shuttlebus-Service funktioniert wieder perfekt. In der großen Halle der Arena beginnen gerade Public Enemy. Die ersten zwei Lieder halte ich´s noch aus, habe aber dann keinen Bock mehr auf eine Buchpräsentation mit Hiphop-Untermalung. Flavour Flav hat die ganze Zeit nichts anderes zu tun als sein neues Buch hochzuhalten und in die Menge zu werfen. Erst mal raus und am Wasser entspannen.

Der Name Skrillex war auf dem Weg zum Arena-Gelände in aller Munde und folgt den Hiphop-Dinosauriern. Der neue Dubstep-Gott langweilt mich aber mit seinem immer wiederkehrenden Schema aus süßlichen Vocalsampeln und nachfolgendem Bassgewitter. Im Glashaus finde ich dann meine Heimat. Zu live gemachtem Disco House der australischen Bag Raiders und französischem Elektro von Brodinski tanze ich nochmal alles raus, bis ich mich klatschnass und glücklich auf den Heimweg mache.

Das war also die musikalische Zusammenfassung meines Berlin Festivals 2011. Was gabs sonst noch? Autoskooter, eine Aussichtsplattform, das nicht sonderlich frequentierte Art Village und die Mobile Disco. Alle lenkten nicht allzu sehr vom Geschehen auf den Bühnen ab. Eine witzige Sache war die Silent Disco Noize Area. In aller Stille konnte man dort zu an Kopfhörer gesendeter Musik tanzen. Das sieht zwar von außen etwas dämlich aus, macht aber wirklich Spaß.

Und dann war da noch das Publikum. Berlin-typisch international und sehr entspannt. Ich hatte das Gefühl das alle vor allem wegen der Musik da waren. Ultra-Fashionvictims und extreme Selbstdarsteller waren rar gesät und nervige Standortanzeiger wie Klobürsten, Riesenhandschuhe oder Gummiboote fehlten ganz. Eine Wohltat im Vergleich zu ähnlich positionierten Festivals anderswo.

Wrap Up: Liebes Berlin Festival, dieses Jahr hast du wirklich alles richtig gemacht. Mit dem neuen Konzept, den Locations, einem guten Booking und einem besseren Sound wage ich zu prophezeien, dass du eine ganz große Nummer im europäischen Festivalzirkus wirst. Viel Glück dabei.

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1 Sterereo September 16, 2011 um 11:45 Uhr

Endlich sind alle der schicken Bilder online! (Blame it on the Admin!) Toller Bericht, vielen Dank!

Berlin Festival 2011

von sisilein am 30. August 2011

in Neues

Für das Berlin Festival öffnet der beeindruckende ehemalige Flughafen Tempelhof am 09. und 10. September wieder seine Pforten. Nach dem eher lauen Debut 2007 und dem durch ein Spitzen-Line Up aber unwürdigen Abbruch gekennzeichneten Versuch 2010 startet das Festival nun den dritten Anlauf mitten in der Hauptstadt. Und dieses Jahr wird alles besser. Neuer Veranstalter, neues Konzept, neue Venues. Hat die letztjährige Konzentration von Bands am Tage und DJs in der Nacht auf dem Hangargelände noch für die leidvolle Kappung der Veranstaltung zu Mitternacht geführt, wird dieses Jahr genau diese Aufteilung gesplittet. So werden bis 0 Uhr die Hangars von Bands und Künstlern bespielt, deren Stilbreite von Indie über Elektro bis Hip Hop und Pop alles abdeckt und die vorwiegend elektronisch agierenden DJs und Live-Acts verteilen sich ab 23 Uhr auf das Arena-Gelände mit seinen drei Venues in Kreuzberg.

Außerdem erwirbt man mit dem Kauf eines Festival-Tickets gleichzeitig den Eintritt zu 60 weiteren Berliner Clubs, die sich unter dem Dach der Berlin Music Week Clubnacht mit dem Berlin Festival zusammengetan haben. Sollte es auf dem Arena-Gelände also etwas eng werden, ist für Ausweich-locations bestens gesorgt.

Angesichts des auch diesjährig wieder großartigen Line Ups und des vielzitierten Berlin-Spirit verspricht die Hauptstadtversion des Melt!-Festivals zu einer europaweit gefragten Veranstaltung zu werden, die die Hipster aller Teile des Kontinents und darüber hinaus anzieht.

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Foto: Pressefreigabe

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