Beck – Modern Guilt

von Pynchon am 15. September 2008

in Musik!

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Beck Hansen, ehemals ein verträumt-fröhlicher Slacker, der auf der Welle des Grunge-Rock bis ganz nach oben surfte, später dann ein ironischer Song-Tüftler mit Sinn für allerhand kreativen Blödsinn und musikalische Verwandlung, ist nun – angesichts einer zunehmend als bedrohlich empfundenen, trostlosen Gegenwart – im schöpferischen Winter seines Schaffens angelangt, zumindest was die Grundstimmung auf seinem neuen Album „Modern Guilt“ anbetrifft.

Bei aller Tristesse über das Leben in Zeiten des Krieges, die Bedrohungen einer hybriden modernen Wissenschaft und einer existentiellen Orientierungslosigkeit, die sich durch die Texte sämtlicher zehn Tracks des Albums zieht, ist „Modern Guilt“ keine so schwere Kost, wie man vermuten könnte. Wie bei fast jedem der Beck-Alben, die ich kenne, sind Einflüsse aus der Pophistorie vielzählig, in diesem Falle zu einem guten Teil aus den sechziger Jahren. Manches klingt verdächtig nach kalifornischer Sonne und einem chilligen Tag am Strand, so etwa der titelgebende Song „Modern Guilt“, der mit dem eingängigen Beat von Gnarls Barkley-Hälfte Danger Mouse unterlegt ist. Auch der Opener „Orphans“ erinnert an offenbar weniger schwermütige „Deadweight“-Zeiten, ein Clip, der in den neunziger Jahren auf MTV rauf und runter gespielt wurde. Im faszinierendsten Stück des Albums, dem schwerelos dahinströmenden „Chemtrails“, dominiert stattdessen diesiger Psycho-Pop, absolut packend und auf morbide Art faszinierend: „Down by the sea, swallowed by evil, already drowned, you and me, watching the sea full of people, already drowned”. Der Titel bezieht sich übrigens auf eine Verschwörungstheorie, nach der die Regierung zu geheimen Zwecken seit einigen Jahren die Kondensstreifen der Flugzeuge mit einer Chemikalie versetzt. Wie dem auch sei, die Bedrohung ist allgegenwärtig.

Der Gegensatz zwischen teils durchaus fröhlichen, verspielten Stücken wie dem tanzbaren „Gamma Ray“ und melancholischen Textzeilen macht einen guten Teil der Spannung auf dem Album aus. Zudem ist „Modern Guilt“ musikalisch sehr facettenreich, „Youthless“ treibt in fiebriger Intensität voran, während „Replica“ eine distopische Zukunftsvision in elektronische Klänge hüllt.

Nichts desto trotz lässt das Album in der zweiten Hälfte der ohnehin nur etwas mehr als dreißig Minuten etwas nach, die Songs sind weniger eingängig und verflüchtigen sich rascher als die Highlights, mit denen Beck zu Anfang auftrumpft. Kein Meisterwerk als Ganzes also, und auch nicht so überzeugend wie sein vorletztes Album „Guero“, das nach einigen meiner Meinung nach eher mäßigen Versuchen zu Beginn des Jahrzehnts endlich mal wieder einen Beck in Höchstform präsentierte. Einzelne Songs werden die Zeit überdauern, der Gesamteindruck von „Modern Guilt“ bleibt irgendwie seltsam flüchtig – was wiederum zur nachdenklichen Grundstimmung des Albums passt.

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