Avantasia – The Scarecrow

von JonesKorn am 26. Februar 2008

in Musik!

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Mit „The Scarecrow“ hat Tobias Sammet endlich wieder ein Album in voller Länge auf den Markt gebracht, nachdem man sich bereits im November 2007 mit den zwei „Lost In Space“ EPs die Wartezeit etwas versüßen durfte. Und der erste Eindruck, den man durch diese EPs gewinnen konnte, bestätigt sich auch auf „The Scarecrow“: die Musik hat etwas an Wucht und Tempo verloren. Und trotzdem ist sie immer noch hochklassig und braucht sich keinesfalls zu verstecken.

Inhaltlich serviert uns das Projekt Avantasia wieder eine zusammenhängende Geschichte und wie bei „The Metal Opera“ handelt es sich um ein zweiteiliges Konzeptalbum (wobei das Fertigstellungsdatum von Teil zwei noch in den Sternen steht). Jedoch spielt diese Geschichte im 19. Jahrhundert und ist Sammets persönliche „Faust-story“ über einen Komponisten zwischen Genie und Wahnsinn. Laut eigener Aussage basiert die Geschichte (auch) auf persönlichen Erfahrungen und Gedanken von Tobias Sammet und erhält dadurch einen leichten autobiographischen Anstrich. Aber (so sagt er ebenfalls selber): in diesen Geschichten kann sich fast jeder ein bisschen selber wiederfinden. Ich kann das so bestätigen…

Im Gegensatz zu den „Lost In Space“ EPs sind hier keinerlei Coverversionen vertreten.

Es ist üblich für die Lieder von Avantasia, dass sie durch verschiedene, zum Teil sehr namhafte, Gäste ihr Gesicht erhalten. So ist der mephistophelesartige Charakter von Jorn Lande (u.a. Masterplan) eingesungen und Amanda Somerville (Aina, Edguy, …) ertönt als die (unerwiderte) Liebe des Hauptdarstellers. Überhaupt liest sich die Gästeliste mal wieder wie das Who-is-who des Rock’n’Roll: Alice Cooper, Rudolf Schenker (Scorpions), Roy Khan (Kamelot), Michael Kiske (Helloween), Bob Catley (Magnum) – und noch einige mehr (eine vollständige Auflistung und Rollenverteilung findet sich im Booklet). Hauptmusiker sind neben Tobias Sammet selbst noch Eric Singer (KISS, Black Sabbath) an den Trommeln und Sascha Paeth (Angra, Edguy, Kamelot, After Forever, …) an den Gitarren.

Eingeleitet wird das Album durch die harten Riffs von „Twisted mind“, das einen typischen Mitsingrefrain besitzt und sich bei mittlerem Tempo schnell im Kopf festsetzt. Darüber hinaus stimmt es textlich – und letztlich auch durch den Namen – auf die erzählten Gegebenheiten ein. Kernstück (zum Verständnis der Geschichte) ist mit über elf Minuten der Titeltrack „The scarecrow“, bei dem ich zu Beginn zeitweilig an „Sign of the cross“ von Iron Maiden denken muss. Trotz seiner Länge gelingt es dem Song, die Spannung aufrecht zu erhalten; inklusive dem obligatorischen Gitarrensolo in der Mitte. Es folgt „Shelter from the rain“, bei dem das erste Mal über längere Strecken richtig Fahrt aufgenommen wird. Hier lernen wir vom Protagonisten, dass er sein Heil mittlerweile nur noch in der Musik findet: All that’s left is a song giving shelter from the rain. Wer kennt das nicht, zumindest zeitweise. Wenn man seine Welt in Trümmern glaubt ist da doch wenigstens noch die Musik die man liebt und die einen nicht zurückweist oder verlässt.

Wiederum sehr viel ruhiger erzählt uns dann „Carry me over“ von einer nicht erwiderten Liebe, dem schmerzhaften nicht-wahrgenommen-werden durch die Angebetete. Now across the street is miles away geht fast als passendes Gegenstück zu Metallicas So close no matter how far durch. Balladenartig hören wir dann das von Amanda Somerville getragene „What kind of love“. Die vielversprechende Besetzung am Gesang (Somerville, Sammet, Kiske) schafft es hier nicht so recht zu überzeugen. Leider also ein leicht schwächelndes Stück, welchem mit dem bereits von den EPs bekannten „Another angel down“ wieder ein Nackenbrecher folgt. We rock the ball – aber Hallo!

Endlich folgt das von mir mit großer Spannung erwartete „The Toy Master“, bei dem niemand geringeres als Alice Cooper höchstpersönlich das Mikro in der Hand hält. Um so enttäuschender ist der überwiegend dahingeplätscherte Text, denn die Musik hat eigentlich genau das richtige Tempo für Coopers Stimme; so wie man sie bei seinen Kassenschlagern „School’s out“ oder „Poison“ liebt. Wenigstens quietschen die Gitarren zum Ende hin noch einmal klassisch-hardrockartig, bevor der Titel etwas an Tempo und endlich auch Klasse gewinnt und der fade Beigeschmack zumindest leicht fort gespült wird. Mit deutlich mehr Tempo ist dann wieder „Devil in the belfry“ eingespielt, das im Vergleich zu „Another angel down“ aber etwas blasser wirkt (trotz einiger liebevoller Gitarrendetails). „Cry just a little“ ist die Feuerzeugschwenkballade, die scheinbar nie fehlen darf und irgendwie auch auf ein Mr. Big Album gepasst hätte. Nett, aber bestimmt nicht herausragend. Mit etwas mehr Wut und Tempo macht anschließend „I don’t believe in your love“ von sich Hören, bevor mit „Lost in space“ der Namenspatron der im November erschienenen Zwillings-EP als Abschluss des ersten Teils der Geschichte ertönt.

„The Scarecrow“ bietet durch die verschiedenen musikalischen Spielarten und den häufigen Wechsel des Tempos reichlich Abwechslung und durch die erzählte Geschichte auch eine gewisse Spannung. Leider vermag die Musik aber nicht immer die gleiche Spannung aufzubauen wie der Text und so ist es zwar ein durchweg gutes Album, es bleibt aber spürbar hinter meinen Erwartungen und auch hinter den beiden „Metal Opera“ Teilen zurück. Davon einmal abgesehen ist es toll gelungen, die multinationale Besetzung zu diesem Werk zu motivieren, wenngleich viele der Musiker bereits in anderen Projekten zusammen gearbeitet haben (nicht zuletzt natürlich auch für Avantasia). Ich freue mich auf jeden Fall schon auf Teil zwei und auf den Liveauftritt beim Wacken Open Air 2008 (dort wird allerdings „The Metal Opera“ gespielt).

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