Arcade Fire – The Suburbs

von Pynchon am 17. August 2010

in Musik!

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Es geht um seelenlose Shopping-Malls und blutsaugende Geschäftsmänner, das Gefühl von existentieller Einsamkeit, von verschwendeten Lebensjahren, von Verlust und Entfremdung – endlich hat die aufgesetzte Sommerfröhlichkeit ein Ende! Im Grunde bleibt die kanadischen Indie-Band Arcade Fire mit „The Suburbs“ den schwermütigen Themen ihrer beider Vorgänger treu, doch im Vergleich zum genialisch-pompösen „Neon Bible“ fahren sie den sakralen Bombast ein wenig herunter, wirken gewissermaßen bescheidener und überraschen hier und da mit recht intimen Klängen. Und so richtig depressiv wird es zum Glück auch nicht, denn die nostalgische Rückschau auf die Zeit in den Vorstädten wird überraschend leichtmütig serviert.

Der titelgebende Opener ist schon mal ein meisterliches Stück musikalischer Gelassenheit, sparsam und hypnotisch untermalt von akustischer Gitarre, Pianoklängen und subtil einsetzenden Streichern. Ein bisschen Folk, Neil Young, weite Landschaft unter einem leeren Horizont. Mit „Ready To Start“ nimmt das hypnotische Element ab und das Tempo zu – klassische Rocknummer, die auch gut aus den 80ern stammen könnte. Überhaupt ist der Anfang des Albums sehr stark. Und abwechslungsreich dazu, Arcade Fire lassen sich mit ihrem vielfältigen melodiösen Talent mal wieder nicht lumpen. „Rococo“, mein Lieblingssong, ist ein Meisterwerk an Rhythmus, treibender Kraft, mit einem düsteren, orchestralischen Ausflug in die „Neon Bible“-Ära und dazu noch einem trocken servierten Gitarrenriff. In den Lyrics macht Win Butler seinem Ärger über die „modern kids“ Luft: „they will eat right out of our hand, using great big words that they don’t understand”. (Haha! Moment mal… da bin jetzt aber nicht ich mit gemeint, oder?)

„Empty Room“ ist ein weiteres Stück, das dem Vorgängeralbum sehr nah steht. Erinnert mich in punkto überschäumender Energie an „No Cars Go“, auch wenn es da nicht ganz heranreicht. Überhaupt, auch wenn die meisten Songs zweifelsohne auf einem sehr beachtlichen Niveau angesiedelt sind, fehlen doch – ganz ohne Einwände komme ich nicht aus – die bezwingenden Gipfelstürme der Marke „Tunnels“, „Black Mirror“ oder bereits erwähntem „No Cars Go“. Allerdings, „The Suburbs“ benötigt aufgrund seines eher unaufdringlichen, subtilen Charakters unbedingt Zeit und Geduld – nicht unbedingt ein Album, das beim ersten Mal gleich zündet.

Etwas schwer tue ich mich auch nach mehrmaligem Durchlauf (ohne diese Einschränkung des eigentlich sehr gelungenen Werks kann ich nicht enden) mit der doch arg umfangreichen Gesamtlänge von insgesamt 16 Stücken. Das wäre alles natürlich kein Problem, wenn „The Suburbs“ die Klasse der ersten sechs Songs halten würde. Spätestens ab der Mitte mehren sich jedoch auch einige eher durchschnittliche Sachen. „Half Light II“ etwa hätte ich ebenso wenig gebraucht wie das leider arg weinerliche „Sprawl I“, oder auch den gewöhnungsbedürftigen Ausflug auf die Disco-Tanzfläche namens „Sprawl II“. Als frühes Fazit erreichen Arcade Fire, trotz vieler bereichernder Momente, die man wieder und wieder entdecken kann, nicht ganz das Niveau ihres (zumindest meiner Einschätzung nach) Meisterwerks „Neon Bible“.

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1 RockinBen August 17, 2010 um 21:53 Uhr

gebe Dir Recht: 12 Songs hätten es auch getan. Aber trotzdem ein sehr sehr gutes Album. Wobei hier der Hinweis fehlt, dass „REady to start“ voller bekannter Textzeilen ist. Schon die erste Zeile erinnert an Bob Dylans „All along the Watchtower“. „Ready to start“ ist aber einer dieser Gipfelstürmer, ebenso „modern Kids“. Qualitativ wird das Album zurecht abgefeiert. Nur die Feiernden vergessen oft auf die Texte zu hören: die sind hier nämlich mal richtig nachdenklich und großartig, aber eben nicht fröhlich, wie das Album laut Presse ja eigentlich ist…
Wie gesagt: ich finde „The Suburbs“ super!

2 Pynchon August 20, 2010 um 14:41 Uhr

„All along the Watchtower“ kenne ich gar nicht, wie ich pflichtschuldigst (und etwas beschämt) eingestehen muss… Zudem möchte ich ergänzen, dass auch „Half Light I“ großartig ist- höre ich mit am häufigsten in den letzten Tagen, definitiv eines der Highlights!

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