Appletree Garden-Festival – 23. & 24.07.10

von Hififi am 31. Juli 2010

in Feierlichkeiten

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Schön ist er, der Apfelbaum. Das könnte ein Metaphernfeuerwerk einleiten. Lieber nicht. Denn das Appletree Garden ist von eher simpler Schönheit. Keine Bagger oder Boxengassen die abertausende von schuppsenden und schiebenden Menschenknäuel durch die Bändchenschlange schleusen. Ein Eingang, eine Bühne aber nie wieder einstellig.

Denn das kleine Diepholzer Festival hat seinen ersten runden Geburtstag. Happy Birthday, es ist ein Festival und jetzt 10-jährig. Deshalb kamen auch gleich zwei Acker voll Menschen mit Autos, Zelten und Wohnwagen. Manche durften ihren Fangear vom vergangenen Melt!-Wochenende gleich nochmal auftragen. Übergroße Sonnenbrille, ärmelloses Shirt am Leib und Audiolith-Jutebeutel unter den enthaarten Achseln geklemmt. Richtig, Bratze spielen. Ob es ein in der Republik eine Festvial(neben)bühne ohne die Electro-Krawallieros gegeben hat? Aufzuzählen auf welchen Festival die beiden nicht waren, würde jedenfalls schneller gehen. So braucht man sich wenigstens keine Sorgen machen, sie verpassen zu können. Kurz nach dem – zugegeben sehr kurzweilligen – Krach, dürfen die Schotten von We Were Promised Jetpacks anpacken. Die haben mit ihrem Debüt „These Four Walls“ zuletzt von sich reden gemacht. Die Burschen sind dennoch für die Bühne gedacht. Vor Publikum gibt‘s Chöre, Jauchzen, Grimassen und die treibenden Hymnen wie „Quit Little Voices“ oder „Roll Up Your Sleeves“. Danach konnten sich unser gesamtdeutsches Indie-Wunderkind Konstantin Gropper samt Get Well Soon-Anhang über den Headliner-Status freuen. Danach We Have Band. Wer es anschließend staubig am Bühnenrand mag, hat beim DJ Tower Musikclub die Möglichkeit sich zu Musik aus der Konserve endgültig einzusauen. (von Sterereo)

Der Samstag beginnt genau zur rechten Zeit, ohne Langeweile aufkommen zu lassen, um 14 Uhr mit Roman Fischer, dem bajuwarischen Neu-Berliner mit der Tocotronic-Gedächtnisfrisur. Und so nett das Erscheinungsbild des 25-jährigen auch ist, sind es seine Songs leider auch, die Sorte „nett“, die schnell vergessen lässt, sie überhaupt gehört zu haben. Aber während des Hörens unterhalten „Into Your Head“ und Konsorten recht ordentlich und zum in der Sonne sitzen lässt sich kaum ein besserer Soundtrack finden. Dabei bedient sich Fischer gerne bei den Großen, in den höheren Lagen bekommt seine Stimme einen leichten Matthew Bellamy-Einschlag, und nicht zuletzt bei seinem Landsmann Konstantin Gropper von Get Well Soon, Pathos und Kitsch muss allerdings größtenteils draußen bleiben. Zu immer noch sehr früher Stunde bescheren die Belgier von Balthazar dem Appletree Garden eine Sternstunde, die sich gewaschen hat. In der Sonne sitzen ist nicht mehr, es folgt der Tanz im Schatten, denn demjenigen der es schafft zu „Fifteen Floors“ die Füße still zu halten, gebe ich persönlich ein Bier aus. Vielleicht nicht ganz so adrenalingeschwängert wie die Waliser von Los Compensinos! dafür aber mit ähnlicher Bandbesetzung und einigen sehr starken Songs, die gerne mit einem vierköpfigen Chor vorgetragen werden. Die Refrains praktisch immer. Da sitzt jeder Ton, und die leichte Verschrobenheit belgischer Indiebands (dEUS, Mintzkov) bleibt nicht auf der Strecke. Da passt natürlich eine Geige wie die Faust aufs Auge und sorgt pointiert eingesetzt von Patricia Vanneste für das Tüpfelchen auf dem I. Danach gönnt sich die Hififi-Gesandtschaft eine Pause, um zu Hellsongs aufs Festival-Gelände zurückzukehren. 1000 Robota sind also nicht eingeplant, spielen aber leider noch, gefallen sogar zuerst ein wenig mit einigen düster rockenden Interpol-Riffs. Die Unlust steht den Herren ins Gesicht geschrieben und wenn ich mich so umsehe, geht es den umstehenden Gästen nicht anders. Nun kann ich leider nicht beurteilen, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei? Aber bei Ansagen wie, „wisst ihr was das Schlimmste ist, was einem Musiker passieren kann? Langeweile“, lässt sich schnell erahnen, wer mit dem Spielchen begonnen hat. Ich entscheide mich ganz spontan 1000 Robota doof zu finden, wie ja eigentlich alle Anwesenden. Dann gibt es noch einen merkwürdigen „Nazi-Spruch“ zur Verabschiedung, den ich nicht ganz verstanden habe, akustisch zwar schon, grüble ich immer noch über Sinn, oder vielmehr Unsinn. Ich glaube, wir, das Publikum sind Nazis, weil wir die Hamburger nicht ausgiebig bejubeln. Nun gut, getreu nach Pippi Langstrumpf, „ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Und bitte nie wieder 1000 Robota! Dafür mag ich jetzt jeden Abend beten. Hellsongs kommen da genau richtig, um wieder ein wenig Leben in den Bürgerpark zu bringen. Wenn mich nicht alles täuscht, eröffnen Hellsongs mit „Seek & Destroy“ von Metallica (bzw. Diamond Head), einem der Metal-Klassiker überhaupt. Und wie Siri Bergnéhr dort herumhüpft in ihrem Glitzerkleidchen und singt wie Regina Spektor und Leslie Feist und einfach nur gut Laune versprüht, zaubert sie wahrscheinlich noch dem größten Miesepeter ein Lächeln auf die Lippen. Ganz besonders schön ist die Coverversion von Megadeth’s „Symphony of Destruction“, in der locker, leichten Folk/ Pop-Variante wirklich nur noch am Text erkennbar. Das Konzept geht auf und so haben Hellsongs nach ca. 45 Minuten Spielzeit eine Menge neuer Fans gewonnen, das lässt sich wirklich behaupten. Sir Gisbert zu Knyphausen spielt ja eh an jeder Milchkanne und so muss auch der Apfelbaum nicht auf ihn verzichten. Mit Band immer gerne, werden mittlerweile auch die Songs des zweiten Albums artig beklatscht, die des ersten eh. Gisbert zu Knyphausen wird immer mehr zum Sprachrohr einer ganzen Generation, wobei ich nicht genau weiß, ob die vielen Anfang-Zwanzigjährigen wirklich viel mit seinem Liedgut anfangen können. Den Um die-Dreißigjährigen dürften einige der Lyrics allerdings aus dem Herzen sprechen. Friska Viljor wiederum versteht nun wirklich jeder, bestehen doch die meisten Songs aus „Lalala-Chören“ und Gute Laune-Pop/ Rock. Die Herren scheinen heute auch nicht ganz so betrunken zu sein, wie letztes Jahr zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Daher alles wie gehabt: Gute Laune, strahlende Gesichter, überschwänglicher Ausdruckstanz. Und auch wenn unsere Schweden sich zurückgehalten haben mögen, höre ich immer deutlicher meine Luftmatratze nach mir schreien, so laut, dass ich die Musik fast nicht mehr hören kann. Und daher hat mein Apfelbaum Garten mit Friska Viljor seinen Headliner gefunden. Schade ist es um FM Belfast!

Das Appletree Garden hat sich spätestens mit der zehnten Ausgabe als Liebhaber-Festival für weniger als 3.000 Besucher einen Namen gemacht. Für wirklich wenig Geld ein durchaus beachtenswertes Line Up geboten zu bekommen, ist einfach nur toll (was soll ich sonst schreiben?). Es gibt praktisch nichts zu verbessern und dem Sprichwort nach müssten die Organisatoren nun den Betrieb einstellen, aber das wäre einfach zu schade. In Diepholz ist die Welt jedenfalls noch in Ordnung.

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