Amorphis – Silent Waters

von JonesKorn am 22. September 2007

in Musik!

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Der Vorgänger „Eclipse“ aus 2006 steht gerade erst in den Regalen, da schicken die Finnen schon ein neues Album auf die Reise. Kaum ein Album habe ich 2007 mit so viel Spannung erwartet und als das hübsch anzuschauende wenn auch spärlich ausgestattete Digipak zwei Tage vor der offiziellen Veröffentlichung des Albums bereits in meinem Briefkasten lag, kannte die Freude keine Grenzen mehr.

Amorphis sind musikalisch bereits einen sehr weiten Weg gegangen: vom Brutal Death der Anfangstage zu einem der ersten Melodic Death Metal Alben überhaupt (das heute noch empfehlenswerte „Tales From The Thousand Lakes“), über progressiven Metal zum metallastigen Progressive Rock, in dem auch Flöten und Saxophone ihre Berücksichtigung finden wieder ein Stück zurück zum Metal. Und so wurde im Vorfeld innerhalb des Fandunstkreises vielfach darüber diskutiert, ob denn dieses Album den Weg von „Eclipse“ weiter geht und demnach die Musik etwas härter und wieder im Bereich des Metal anzusiedeln sein wird oder ob es einen Rückfall ins Jahr 2003 zu „Far From The Sun“, dem vielleicht rockigsten Amorphisalbum, gibt.

Ein Blick auf’s Cover lässt sogleich erahnen, dass man hier kein typisches „Metalbrett“ in den Händen hält: der seit Mitte der 90er Jahre eingeführte weiche Namenszug ist blumig verschnörkelt, und in der Bildmitte treibt ein Schwan auf einem ruhigen Fluss in einem fast toten Wald. Wer sich jedoch schon einmal mit den Texten von Amorphis befasst hat, wird zwangsläufig über den finnischen Nationalepos Kalevala gestolpert sein, der auch hier wieder Pate stand. Und der weiß dann vielleicht auch, dass dieser Schwan möglicherweise auf dem Fluss des Totenreichs Tuonela treibt. Hier wird entgegen einem möglichen ersten Eindruck kein Kindergeburtstag gefeiert, sondern vielmehr die Geschichte von Lemminkäinen, einer Figur aus dem Nationalepos, erzählt.

Den Hörer erwartet musikalisch tatsächlich die Fortsetzung und Weiterentwicklung von „Eclipse“. Fortsetzung, denn vom ersten Gitarrenschlag an erkennt man, dass hier Amorphis am Werk sind und sie klingen fast so, wie im Jahr zuvor. Weiterentwicklung, denn es werden hier keinesfalls alte Melodien aufgekocht und als neu verkauft, sondern es hat sich ein typischer Amorphissound entwickelt an dem man jedes dieser Stücke als Schöpfung dieser Band erkennen kann.

Das Album wird eindrucksvoll durch Weaving the incantation eröffnet, bei dem es sofort die wunderschöne Mischung aus Growls und klarem Gesang von Sänger Tomi Joutsen um die Ohren gibt; eine der Spezialitäten von Amorphis, kaum eine andere Band schafft es, die Wechsel so intelligent und stimmungsvoll einzusetzen. Gepaart wird dies mit wuchtigen Gitarren und den oben bereits erwähnten interessanten Lyrics.

Den Faden des Openers spinnt A servant nahtlos weiter, insgesamt sogar noch eine Spur härter – ohne dabei an Melodie zu verlieren. Hier rotiert ganz klar ein hochklassiges Metalalbum im CD Player. Das bereits als Single ausgekoppelte und titelgebende Stück Silent waters kommt dann in einem für den Text etwas unpassend scheinenden Gewand daher. Fast radiotauglich, dabei allerdings nicht langweilig oder nach dem x-ten Hören verblassend. Wohltuend dann die punktuelle Aggressivität von Towards and against (einem meiner Lieblingsstücke dieses Albums), dessen Riffs die Scheiben meines Autos auch bei niedriger Lautstärke zum vibrieren bringen, ehe in I of crimson blood wieder Ruhe einkehrt, die sich mit Her alone in einer Ballade ergießt, die fast an die Qualität früherer Titel wie Elegy oder Alone heranreicht. Mit Enigma wartet dann als Nummer sieben auf der Liste ein akustisch eingespieltes Lied, das schwer folklastig klingt. Erstaunlicherweise liegen mir die Gitarren dieses Stücks am häufigsten im Sinn.

Shaman kommt zunächst ebenfalls akustisch aus den Boxen, führt uns dann aber alsbald mit Dynamik zurück auf den Pfad der elektrischen Gitarren und der Keyboards, der von hier an bis zum letzten Titel nicht mehr verlassen wird. Was mir hier negativ auffällt ist die wiederholt im Hintergrund gesungene Zeile:

„From the shaman into shaman“,

die für meine Begriffe nicht in das sonst so starke Songwriting passt und irgendwie billig wirkt. Nicht jeder Versuch klappt…

Langsam nähern wir uns dem Ende des Albums und The white swan vermag dann auch nicht mehr richtig vom Hocker zu hauen. Vielleicht hätte er aus musikalischer Sicht weiter nach vorne gehört. Zu stark sind die anderen Titel bisher, auch wenn hier schöne instrumentale Passagen angestimmt werden. Besser wirkt das leise angestimmte Black river, bei dessen einführenden Worten des anfänglichen Sprechgesangs ich zuerst unweigerlich an den Prologue und Epilogue von Cemetery Of Screams Album „Melancholy“ denken muss. Als stolzer Besitzer des Digipak kommt man abschließend noch in den Genuss von Sign, das noch einmal mit eingängiger Melodie und Textteilen zum Mitsingen glänzen kann und einen ordentlichen Abschluss bildet.

Amorphis ziehen hier eine ganze Reihe musikalischer Register, die es einem schwer machen, auch nur einen einzigen Song dieses Albums nicht zu mögen. Sie verstehen es wunderbar, das Keyboard als ein natürliches Instrument des Metals erklingen zu lassen und Tomi stellt einmal mehr unter Beweis, wie wertvoll er für diese Band ist. Wer keine Zeit, Lust oder kein Interesse hat, sich mit dem Inhalt auseinandersetzen, darf sich trotzdem auf eine ausgereiftes Album freuen, bei dem bei aller Abwechslung ein gehöriges Ohrwurmpotenzial vorherrscht. Für mich ist ihnen damit endlich wieder ein ganz großer Wurf gelungen, der an Vielfältigkeit und Qualität von den Mitbewerbern im Moment schwer zu überbieten sein dürfte und der ganz klar Anwärter auf mein persönliches Album des Jahres ist.

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1 JonesKorn Oktober 1, 2007 um 19:03 Uhr

Dem interessierten Hörer sei noch nahegelegt, dass es auch zu „Silent Waters“ wieder eine Singleauskopplung gibt.

Leider haben Amorphis schon vor einigen Alben davon Abstand genommen, auf die jeweiligen Singles unveröffenltichtes Material oben drauf zu packen, so dass sich hier neben der auch auf dem Album befindlichen Version von [i]Silent Waters[/i] noch die Radioversion sowie der auch auf dem Digipak enthaltene Bonustrack [i]Sign[/i] als Dreingabe draufgepresst wurden. Bleibt abzuwarten, ob noch eine interessantere Auskopplung folgt…

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