Alles, was wir geben mussten

von Pynchon am 29. Juni 2011

in Film ab!

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Ohne den inhaltlichen Kniff der Story, der allerdings schon recht früh und bemerkenswert beiläufig offenbart wird, verraten zu wollen, sollten sich die Zuschauer bei Mark Romaneks stilvoller Verfilmung von Kazuo Ishiguros gefeierten Romanvorlage, die im Original den Titel „Never let me go“ trägt, auf eine ungewöhnliche Mischung aus Coming of Age-Internatsdrama und dystopischer Zukunftsvision gefasst machen, die im wahrsten Sinne an die Nieren geht.

Auf den ersten Blick scheint ja alles in Ordnung zu sein mit den Schülern, die auf dem idyllischen Anwesen des Elite-Internats Hailsham ausgebildet werden. Kathy (Carey Mulligan), Tommy (Andrew Garfield, zuletzt in „The Social Network“) und Ruth (Keira Knightley) schlagen sich vordergründig mit den gleichen Problemen herum, die für alle Jugendlichen zum Heranwachsen dazu gehören. Freundschaften, Liebe, Hoffnung, Enttäuschung – doch alles unter dem Schatten einer unheilvollen Bestimmung, auf die sie ihre idealistische Lehrerin Miss Lucy (Sally Hawkins), ein Lichtblick im ansonsten ziemlich restriktiven Lehrkörper, vorbereiten möchte. Etwas ist offensichtlich faul im Staate Hailsham, und die Jugendlichen merken sehr bald, dass es für sie – in einem noch dringlicheren Sinn wie für den Rest der Menschheit – um Leben und Tod geht.

„Alles, was wir geben mussten“ ist feinfühlig inszeniert, kunstvoll fotografiert, bietet ein beachtliches Ensemble an Jung- und Altstars (Charlotte Rampling ist etwa in der Rolle der gestrengen Internatsdirektorin zu sehen), aus dem Carey Mulligan mit ihrer packenden Performance herausragt, und darüber hinaus gelingt es dem Film sogar, dem emotional aufgeladenen Plot zum Trotz allzu große Sentimentalität oder gar Gefühlskitsch zu vermeiden – und dennoch scheitert er letztlich.

Wenn auch auf hohem Niveau, und zudem fast zwangsläufig. Wer die Romanvorlage von Kazuo Ishiguro gelesen hat, wird leicht nachvollziehen können, wo die Probleme einer angemessenen Umsetzung liegen, insbesondere wenn es sich um einen knapp zweistündigen Spielfilm handelt, der natürlich erhebliche Kürzungen vornehmen muss. Dabei ist das Thema der Geschichte schon heikel genug, mit all seinen moralischen Implikationen. Die enorme Sogwirkung des Romans wird eben durch die vielen kleinen, auf den ersten Blick eher belanglosen Anekdoten rund um das Heranwachsen im unterschwellig bedrohlichen Hailsham erzeugt, die Ishiguro so raffiniert ausbreitet, dass sich die Story über weite Strecken wie ein Thriller liest. Aus diesen so beiläufig und in nüchternem Ton erzählten Impressionen fügt sich im Laufe der Handlung ein Gesamtbild, dass nachdrücklich wirkt und einiges zu denken gibt.

Was im Roman hervorragend funktioniert, weil die Erzählung gewisser Maßen einen langen Atem hat, gerät im Film jedoch oft allzu lapidar. Vielleicht hätte Drehbuchautor Alex Garland den Stoff noch weiter begrenzen müssen, um mehr Konzentration und vor allem Tiefgründigkeit für einzelne Aspekte zu schaffen. So aber sieht man den im Roman aufwühlenden Tagesausflug in eine Küstenstadt, in der die von Keira Knightley gespielte Ruth eine für sie existentiell wichtige Person aufspüren möchte, im Film doch recht en passant abgehandelt. Die Lakonie des Romans funktioniert im Erzählduktus des Films leider nicht annähernd so gut. Vieles, was den Zuschauer aufwühlen müsste, lässt ihn leider einigermaßen kalt. „Alles, was wir geben mussten“ ist ganz sicher kein schlechter oder gar missratener Film, doch bei all seinen technischen Trümpfen fühlt er sich am Ende fast wie eine naturwissenschaftliche Versuchsanordnung an.

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