7 Days Awake – Cthulhu

von Phillip am 21. Oktober 2011

in Hausmusik

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7 Day Awake tauchen mit ihrem neuen Album „Cthulhu“ in eine außerirdische Tiefsee hinab!

7 Days Awake:

Hell-G: Vocals, Drums, Rhodes, Samples & Sounds

Valera Igla: Guitars, E-Bow, Korg CX3 Organ , Delays

Simon Vegaz: Bass, Samples & Sounds

Wichtigste Frage: Wie klingt Cthulhu? Wie der Norpol zum Südpol des Vorgängeralbums: Entgegengesetzt genau anders herum und trotzdem gehören Beide wie ein Planet zusammen, denn Cthulhu ist die B-Scheibe zum Vorgänger „Interference“. Beim ersten Durchskippen fällt gleich auf: Experimenteller und alles andere als poppig wollen sie klingen, als wollten sich 7 Days Awake von allem gängigen und poppigen 0815 Kram dieser Welt befreien und einfach mal in einem anderen psychedelischen musikalischen Universum drauflos rocken. Der Masse gefallen müssen sie nicht. Erst nach merhmaligem Hören erschließt sich das schwerverdauliche Fantasie-Album der Bielefelder. Der Gesang rückt sehr deutlich in den Hintergrund und wird überwiegend als Sound-Effekt eingesetzt. Insgesamt klingt Cthulhu instrumental und unstrukturiert. Ein Groove reicht aus, um einen ganzen Song zu rocken, was vor allem live gut kommt, da es „untenrum“ wegen der tiefen Frequenzen ordentlich drückt. So verrät mir Gitarrist Valera Igla, dass es eigentlich nur drei richtige fertige Songs für das Album gab. Jetzt sind es insgesamt 13 Stücke. Alle anderen Tracks wurden einfach dazu improvisiert, was die fehlenden Songstrukturen auf dem Album erklärt. 7 Days Awake haben ihr Album live im eigenen Proberaum aufgenommen und einfach rund 14 Mikrophone im Raum plaziert. Das war auch das Konzept des Albums, meint Igla:

„das Feeling einzufangen, was man manchmal beim Improvisieren entwickelt. Das sollte ja auch kein leicht verdauliches Album werden, ist es auch nicht geworden. Die meisten Improvisationen spielen wir jetzt auch live; Dann halt das gleiche Thema… aber etwas anders..“

In der Nachbearbeitung wurden dann einzelne Spuren aussortiert und teilweise mit einer zweiten Gitarre, einer Orgel oder Effekten belegt oder ersetzt. Um den guten alten 70er Jahre Analog-Sound zu erhalten, wurde beispielsweise das auf einem Mac aufgenommene Schlagzeug anschliessend auf einer Bandmaschine aufgenommen und dann wieder zurück in den digitalen Mac gespeist. Zwar seien es nur Nuancen für einen hohen Aufwand, sagt Igla, aber das mache dann genau den gewünschten Effekt aus. Beachtlich ist auch die Soundqualität des Albums, die sich mit internationalen Aufnahmen in der Tat messen kann – obwohl das Album nur im WG-Zimmer von Valera aufgenommen wurde und nicht in einem professionellem Studio. Eine Soundkarte, eine Bandmaschine und zwei gute Adam-Monitore und die sechs Ohren von 7 Days Awake reichen offenbar aus, um einen guten Sound zu drehen. Aber auch einige Gastmusiker haben mitgeholfen, wie Phillip Münch von Synapscape, der mit seinem Synthesizer gar nicht so unbekannt in der Industrial Szene ist. Bei jeweils zwei anderen Songs halfen noch Andy Calvente, Phil Kidneybone, Marc Hotfiel und Nadine Mensenkamp aus.

Aber nun zum Album: Ein Wikipedia Eintrag zum „Cthulhu-Mythos“ erklärt die Botschaft des Konzept-Albums Cthulhu: 7 Days Awake wollen in eine Phantasie-Welt mit interstellaren Wesenheiten von Außerirdischen und übernatürlichen Kräften und Gottheiten experimentieren. Einfach mal ausbrechen aus der Realwelt der Pop-Musik und dem Musiker-Hirn freien Lauf lassen.

Mit „Mahlstrom“, einem Intro mit einem schweren tiefen Keyboardsound und knisterndem Schallplatten-Nadeln, dass die Schellack-Farbe schwarz symbolisiert, beginnt das Album mit dem Hörer in seinen Mahlstrom hinab zu tauchen… drehend hinab ins Düstere der neuen Aufnahmen und der tiefen Windungen aus Cthulhu.

Leider gelingt es nicht ganz, schon im ersten Song die richtige bedrohliche Stimmung zu erzeugen. Nach nur einer Minute und ohne echtem Übergang, geht es schon in den zweiten Track des Albums und die Band vergibt damit die Chance des Intros, den Hörer in seinen Bann zu ziehen. Das schaffen 7 Days Awake viel besser mit den letzten Tracks des Albums, wie in „Attack of the tentacle“ oder „Atlantis 20050“

„Octofuzz“ heißt der zweite Track, der aufgrund seiner verzerrten groovigen Baseline schön düster und rockig daherkommt. Sehr gelungen ist die Einleitung in den Track, der aufgrund der Delayeffekte an Ortungssignalen von Unterwasser-Fledermäusen (oder Octo-Fledermäusen) erinnert oder an andere skurile Tiere aus der Tiefsee, wie man sie auch im Cthulhu Mythos vorfindet. Dann setzen Schlagzeug und Bassgitarre ein und man könnte meinen, man würde einen der typischen psychedelischen norwegischen Motorpycho Rock-Wände hören. Übertüncht wird „Octofuzz“ durch singende verzerrte Delay-Gitarren, bei denen es nicht mehr darum geht, ein straightes Gitarren-Riff, sondern nur noch Soundwände aus Delay-Effekten mit interessanten Stereopanoramen zu erzeugen. Doch während man nach drei Minuten innerhalb einer grandiosen Steigerung aus Sound und Krachwänden denkt: Jetzt könnte es los gehen, ist der Song schon nach nur 3 Minuten und 31 Sekunden leider wieder mit einem lauten „Swoosh“ zu Ende. Beabsichtigt? Wahrscheinlich, wenn es darum gehen soll, unstrukturiert zu klingen.

„Day of the Tentacle“ spinnt die Idee des zweiten Tracks weiter: Entgegen aller Popharmonien arbeitet man eher düster und mit Soundwänden, doch überrascht kurzweilig ein hartes minimal strukturiertes Gitarrenriff. Bass und Drums rocken den Beat, während die Gitarre mit Hall und Delay Effekten darüber flächelt. Schön ungewöhnlich und verzerrt singt Sänger Helge darüber: „It’s a comeback!“. Die Basedrum erinnert dabei an den typischen trockenen guten alten BlocParty Sound!

Langsam werden die Stücke nun länger, was dem Album gut tut. Der Beginn von „Upstream“ gefällt richtig gut: Monotones sehr gut klingendes Gitarrenriff mischt sich mit monotonem Synthiesound – und 7 Days Awake lassen sich Zeit, bauen sich ganz langsam auf, zocken die eine und dieselbe Struktur einfach bis zum Erbrechen durch, bis nach 2:50 Min doch mal ganz kurz ein anderen Ton angeschlagen wird, der an einen Akkord aus dem Vorgänger „Interference“ erinnert. Wie ein Gewittersturm legt sich die Soundwand und aus weiter ferne schallt undefiniert Helges Stimme heraus – bis sich verschiedene Delayeffekte wieder zu einem Wirrwar aus räumlichen wabernden Wänden zusammensetzen.

„Crustacean“ erinnert den ein oder anderen Hörer mit Sicherheit an Nirvanas Grunge-Rock – und doch sind es unverkennbar 7 Days Awake! Völlig deplaziert und überraschend wird der Song nämlich wie von einem Staubsaugereffekt frequenzweise eingesaugt und sofort wieder ausgespuckt – völlig egal, wie merkwürdig es klingen mag. Denn im Universum von Cthulhu funktionieren die Gesetze der Physik und damit der Musik offenbar nicht mehr. Anschließend delayen erneut verschiedene Stimmen und Gitarren zu einem Soundbrei, der beabsichtigt nicht gefallen will, bis er sich in einem verzerrten schwarzen Loch auflöst.

„Als mir das Riff von „Crustacean“ eingefallen ist, habe ich überhaupt nicht an Nirvana gedacht… Die Idee des Songs beruhte darauf, einen versetzten Rhythmus in 5/8 zu machen. Solche Verschiebungen finden wir interessant. So wechseln wir bei „Day of tentacle“ von einem 4/4Takt in einen 3/4Takt und dann wieder zurück. Dennoch gebe ich zu: Nirvana ist ganz tief verankert in mir. Ohne diese Band hätte ich mich niemals getraut, eigene Songs zu machen. Aber es geht mir sicherlich nicht darum, Nirvana zu covern oder wie Nirvana zu klingen. Solche Riffs sind einfach im Unterbewusstsein wie tausend andere Riffs in jedem Gitarristen der Welt verankert. Du kannst Dir das wie eine Library vorstellen. Manche Vergleiche mit uns beziehen sich häufig auf Bands, die ich nicht kenne. Manche Reviewer geben sich nicht einmal die Mühe, die Musik zu beschreiben und ziehen dann irgendwelche wilden Vergleiche mit anderen Bands, weil ihnen nichts besseres einfällt. Vergleiche mit Muse gehen mir am meisten auf den Senkel, weil gerade diese Band sich quer durch die Musikgeschichte, von Rachmaninov und Bach, bis heute bedient. Das ist meiner Meinung nach aber auch okay, denn es klingt trotzdem nach Muse. So ist es auch bei 7 Days Awake: Wir klingen nach 7 Days Awake.

Eine erste Harmonie überrascht brachial mit „Wonderboy in Monsterland“ – einer Melodie, die perfekt die Gesetze der Psychedelic beherrscht: Fremd, deplaziert, melancholisch, düster, geheimnisvoll, vielleicht auch jazzig, vielleicht auch einfach Indie – Es erinnert ein wenig mehr an das poppige Vorgängeralbum „Interference“, da es der erste Song mit Struktur ist.

Bis zu diesem Zeitpunkt einer der eingängigsten Tracks des Albums, der intelligent Grundideen aus Interference und Cthulhu vereint. In „Oceanique“ scheinen die Drums von Wasser umgeben zu sein, als wären sie hinter einem Vorhang und wie von einem anderen Stern klingt dann „Downstream“ – der bislang experimentellste und mutigste Song auf dem Album. Zu seiner Vollendung findet Cthulhu deutlich mit dem letzten Song des Albums: „Atlantis 20050“. Er ist mit 7 Minuten der längste Track des Albums und schafft es schon in den ersten Minuten, den Hörer zu „spacen“ und ihn in eine psychedelische Stimmung zu versetzen, bis er in einer großen Soundwand verschwimmt …und mit der nächsten Welle wieder oben mitschwimmt.

Insgesamt haben die drei Bielefelder Helge (Drums und Gesang), Valera (Gitarre) und Simon (Bass) mit Cthulhu ein interessantes und experimentelles psychedelic-Album kreiert, das anfangs schwer zugänglich ist. Nach mehrmaligem Hören wird es jedoch gerade in Herbst- und Wintermonaten zur Sucht und nie langweilig. Entgegen der ersten Platte ist es unkommerziell und bringt nach dem eher eingängigen Popalbum „Interference“ eine willkommene 180 Grad Drehung mit sich. Cthulhu beweist allen Kritikern, wie musikalisch, vielfältig und mutig die drei Bielefelder von 7 Days Awake sind.

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