1984 – Interview

von Hififi am 24. April 2009

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Sich zum Klimax steigernder Basslauf, ein lang gezogenes „uuuuh!“. Damit hat es begonnen. „Cache-Cache“ rennt im österreichischem Weekender Club offene Türen ein. Der Song gehört zu 1984, einer Band wie ein Statement. Zur Wirtschaftslage, zur Gesellschaft und zur freien, künstlerischen Rockmusik. Seit heute ist die französischen Entourage um 1984 wieder auf deutschem Boden unterwegs. Vorab waren Bruno und Etienne so nett einige Fragen über den elektronischen Postverkehr voraus zu schicken. Mit teils philosophischem Diskurs.

Die Kreatur auf eurem Cover erinnert an einen Zentauren, nur dass diesmal ein Zebrakopf auf einem Menschenkörper sitzt. Am Ende ein Querverweis auf die griechische Mythologie? Aus dem Alten entsteht ein komplett neues Wesen, dass irgendwie zu eurer Musik passt, wo sich 80er Einflüsse wieder finden, aber sie doch für sich selbst steht?

Bruno: Nein, da war keine Verknüpfung zur Mhytologie beabsichtigt, sondern nur eine Zusammenarbeit mit Denis Fongue mit uns. Wir haben ihm gesagt, dass unser Album „Open Jail“ heißen soll und er kam mit der Idee des Zebras. Nach seiner Meinung seien die weißen Streifen des Zebras wie Gitterstangen im Gefängnis. Wir mochten diese Vorstellung, wollten aber kein einfaches Foto von einem dummen Zebra auf dem Cover, das nur darauf wartet verspeist zu werden. Also haben wir beschlossen diese Idee etwas auszubauen. Wir haben herausgefunden, dass Zebras nach ihrer Geburt komplett schwarz sind und die Streifen erst später erscheinen. Das passte super zu unserem Konzept. Die Streifen symbolisieren alle Beschränkungen die wir unseren Sehnsüchten auferlegen und uns davon abhalten uns selbst zu verwirklichen. Wir sind die Wärter unseres eigenen Gefängnis, denn diese Zeiten sind nicht für Mut gedacht, sonder für Konservativismus. Niemand hat die Leidenschaft für seine Ideen zu kämpfen. Jeder möchte nur seine momentanen Lebensverhältnisse sichern und geht dafür die Kompromisse ein, die nötig sind. Gleichzeitig denkt jedoch jeder, er sei einzigartig und arbeitet daran aufzufallen. Wir riskieren lieber nichts und warten auf eine weitere Person, die uns braucht. So wie Produzenten von Reality-Shows. Die Streifen sind ein Zeichen für diese Resignation. Das witzige an dem Zentauren ist, dass er der Wärter dieses Labyrinths sein könnte. Das scheint mir ein guter Gedanke zu dem Cover zu sein. Außer, dass wir unser eigener Zentaur sind, der niemand hilft aus diesem Labyrinth heraus zu kommen, sondern sich beschwert und darauf wartet gerettet zu werden.

Etienne: Eure Interpretation ist auch wirklich cool! Man sollte auf dem ersten Blick nicht wissen, ob es ein Mensch mit Zebrakopf ist, oder ein Zebra mit einem menschlichem Körper. Was ist die Wahrheit? Was ist Realität? Wer versteckt etwas? Zeigt der zivilisierte Mensch seine bestialische Seite oder wird das Biest zum Menschen? Wir mögen es mit Bilder zu verwirren. Wir leben in einer verwirrenden Welt und solche Bilder zeigen diese ambivalente Atmosphäre. Die Verwirrung kann auch in unserer Musik gefunden werden. Wir haben es nicht darauf angelegt wie die Bands in den 80er zu klingen. Für mich ist „Open Jail“ eine einfache Kombination aus allen möglichen Gefühlen ohne irgendwelche Grenzen um sie aus zu drücken: Flamenco, Rockabilly, Punk oder elektronischer Sound – wenn wir glauben es passt zu unserer Aussage, dann machen wir es! Dabei war es so, dass wir nicht sehr viel mit der Rock-Kultur am Hut hatten, als wir angefangen haben. Uns war es wichtig so zu spielen, dass es uns gefällt. Dabei wurden wir natürlich beeinflusst von der Musik, die es um uns herum zu hören gab. Aber irgendeinem bestimmten Stil oder einer Bewegung haben wir uns nie verschrieben. Ich glaube, wir haben es geschafft einen vernünftigen Sound für uns zu finden.

Ihr seid keine reine Rockband. Es gibt Pianos, Hip Hop, Handclaps und Mönchschöre. Liegt es daran, dass ihr nicht so einfach kategorisierbar sein wollt?

Etienne: Als wir uns entschieden das Album zu machen, wollten wir so frei sein, wie möglich. Wir spielen natürlich Rockmusik, aber wir wollten auch anderes musikalisches Territorium betreten. Unsere Leben sind schon genau vorbestimmt, die Musik erlaubt es uns zu experimentieren und neues zu entdecken. Ich mag dieses einschränkende Denken von: ‚Ihr spielt Rock, also benutzt gefälligt Gitarren, Bass und Schlagzeug’ überhaupt nicht. Beim schreiben eines Albums hast du die großartige Möglichkeit deinen eigenen Sound zu finden und nicht die Kopie einer Kopie. Natürlich musst es letztendlich irgendwie noch stimmig sein. Kreativität ist ein freies Feld, es wäre sehr unproduktiv sich Beschränkungen aufzuerlegen. So wie Bruno den Bass spielt und Thomas aufs Schlagzeug haut, hat es etwas einzigartiges für mich. Diese Kombination erschafft für mich schon etwas ganz spezielles.

Mit Weekender seid ihr bei einem recht kleinen Label unter Vertrag. Wie kam es dazu?

Etienne: Die Band hat sich Ende 2005 gegründet, ein paar Monate später hatten wir die eine 5-Track Demo mit der ersten Version von “Cache-Cache” fertig. Über das Internet haben wir über den coolen Club in Innsbrück herausgefunden, der Weekender heißt. Wir haben denen eine Mail geschrieben und nach sechs Monaten tatsächlich eine Antwort von Justin Barwick, dem Chef den Clubs, bekommen. Er sagte, dass „Cache-Cache“ ein Meisterwerk sei! Er lud uns ein in Innsbrück zu spielen, was wir dann getan haben. Nach der Show kam er zu uns und sagte, dass er auch ein Label hätte und gerne die Single herausbringen würde. So hat alles angefangen. Es ist großartig mit dieser kleinen Struktur, alles sehr nett. Die Leute lassen uns alle Freiheiten, die wir für uns brauchen.

Bruno: Es war ein tolles Abenteuer, aber die heutige Zeit ist nicht gemacht für kleine, nette Dinge. Leider ist Weekender Deutschland jetzt geschlossen und dies könnte unser letztes Interview sein – schätzt euch glücklich! Ich möchte diese Gelegenheit nutzen um Danke zu sagen, denn Weekender war großartig und hat das Risiko auf sich genommen uns unter Vertag zu nehmen, einfach weil sie mochten, was wir tun und sich die Leidenschaft für die Musik bewahrt haben. Tolle Leute!

Ihr habt mit den Blood Red Shoes gespielt, stimmt das? Denn so richtig passt eure Musik ja nicht zusammen.

Etienne: Ja, das stimmt. Das passierte auch im Weekender Club. Sie blieben zur Aftershowparty ihrer Show im Weekender Club und Justin brannte darauf ihnen „Cache-Cache“ vor zu spielen. Laura-Mary und Steven mochten den Song und harkten nach. Über Myspace haben sie uns angeboten sie auf ihrer UK-Tour zu supporten. Es gab zu dieser Zeit überhaupt keine Videos oder ähnliches von uns, sie hatten keine Ahnung, ob wir live tatsächlich auch gut waren, aber sie gingen das Risiko ein. Ich glaube sie musstene eine Menge Überzeungunsarbeit bei ihrem Label leisten. Es macht sehr viel Spaß mit Leuten, die ihre steigenden Erfolg dazu verwenden unbekannte Bands zu unterstützen, einfach weil sie die Musik mögen. Mittlerweile sind wir Freunde geworden und haben bereits vier Mal zusammen getourt.

Bruno: Richtig. Vier Mal. Wir waren in England und Schottland, Frankreich, Deutschland und Österreich. Eine tolle Geschichte und seitdem eine enge Freundschaft.

Was ist mit Euren Lieblingsbands? Oder noch besser, was für Musik könnt ihr überhaupt nicht leiden?

Etinne: Ich liebe Nirvanas „In Utero“ und das „Unplugged in New York“. Ich fühle mich stark zu Muse und ihren Alben hingezogen. Durch diese beiden Bands bin ich dazu gekommen, selbst Musik machen zu wollen. Auch die Blood Red Shoes haben etwas ganz spezielles, rohes, einfaches und geniales, dass sie von allen anderen Produktionen, die ich bisher gehört habe, abhebt. Der Meinung war ich schon, bevor wir zusammen auf Tour gegangen sind. Wenn ich in ernsterer Laune bin, dann höre ich Radioheads „Kid A“ oder „Hail To The Thief“ oder von Interpol „Our Love To Admire“. Ich stehe aber auch auf die Pixies, Tom Waits, Sonic Youth, Beck, Queen, Lynch’s Songs und Jimmy Scott. Was ich überhaupt nicht ab kann: Makina Dance Music, Cascada, Poison, Panic at the Disco, Good Charlotte, Ricky King und noch ‘ne Menge mehr.

Bruno: Ich denke wir teilen dieses Raue und Kompromisslose mit den Blood Red Shoes. Einfach nur ein lauter Schrei gegen die allzu perfekte Welt, die uns klein und möglichst still in einer sauberen Box halten möchte. Aber ich bin auch neugierig. Ich höre Hip Hop, Trip Hop, Punk und andere Sachen. Einer meiner Lieblingsbands ist Metric, aber auch die anderen Projekte von Emily Haines. Überhaupt nicht stehe ich auf die „Chanson française”. Auch Leute die städig reden ohne etwas zu sagen und sich dabei so furchtbar ernst nehmen gehen mir auf den Geist.

Wie sieht es mit der deutschen Musikszene aus? Viele Ausländer denken zuerst an Blasmusik…

Bruno: Für mich ist die deutsche Musikszene elektrionisch. Aber da ich nicht allzu dumm aussehen will, lasse ich dass besser Etienne beantworten. Aber ich liebe Lali Puna.

Etienne: Nein, das größte Cliché über deutsche Musik ist wohl der Schlager! Einige Leute im Elsass verpassen niemals eine Schlager-Sensdung auf dem ZDF! Was ich nicht mag an französischen Musikläden, es ist fast unmöglich deutsche Musik zu finden. Nur Rammstein, Tokyo Hotel, Kraftwerk oder Nena. Frankreich hat keine Ahnung von deutschen Bands oder Sängern. Große Bands wie Die Ärzte, Die Toten Hosen, Fettes Brot, Fanta Vier oder in den 80er Jahren Fehlfarben oder DAF sind absolut unbekannt. Dabei hat Deutschland eine Menge an Pop und Rock Musik zu bieten, wie die Fotos, Madsen, Sportfreunde Stiller, Echt oder Wir sind Helden. Ich bin kein Fan von diesen ganzen Bands, aber häufig sind sie besser als das, was wir in Frankreich haben! Ich hoffe noch einige deutsche Bands treffen oder entdecken zu können auf unserer Frühlings-Tournee.

Sind eure Texte eigentlich von Literatur inspiriert? So wie Franz Ferdinand vom russichen Konstruktivismus der 1920er Jahre?

Bruno: Das lasse ich Etienne beantworten. Er hat die Texte geschrieben.

Etienne: Literatur spielt eine große Rolle für mich. Unser Name deutet schon auf George Orwell hin und beweist schon den Einfluss von Literatur auf unsere Arbeit. Die Inspiration kommt normalerweise aus den Dingen, die ich erlebe und versuche mit einem universellerem Thema in einen größeren Kontext zu stellen. Häufig dreht es sich um alltägliche Situationen unseres Lebens, in den Städten, auf dem Land, mit all den paradoxen Veränderungen. Selbst wenn ein Song über eine Beziehung handelt, möchte ich es auf verschiedenen Ebenen verstanden wissen. Du findest immer Zweifel an dem Platz, an dem du dich befindest. Dabei zeigt dir die Literatur einen guten Weg um dich aus zu drücken. Mich interessiert die deutsche Literaur sehr: Nitzsches „Also sprach Zarathustra“, „Der Atem“ von Thomas Berhard, Hermann Hesses Werke oder „Im Krebsgang“ von Günther Grass. Die Bücher von Michel Houellebecq und Chuck Palahniuk über die Probleme von den Menschen in der modernen Gesellschaft oder die Autoren der Beat-Generation, vor allem William Burroughs, sind sehr wichtig für mich. Natürlich auch diese Science-Fiction-Romane wie „1984“, „Globalia“ von Jean-Christophe Ruffin oder „We“ von Yevgeny Zamyatin. Aber auch der Film hat großen Einfluss auf das Schreiben. Zum Beispiel David Lynch oder „Gerry“ von Gus Van Sant sind sehr inspirierend.

Sobald über 1984 gesprochen wird, kommen sofort die Joy Division-Vergleiche. Habt ihr von dem ganzen Hype um „Control“, also dem Film über Ian Curtis Leben, profitiert?

Bruno: Ich weiß nicht, ob es eine gute Sache für uns war. Ich kannte die Arbeit der Band bis zu dem Film überhaupt nicht. Danach sagten plötzlich einige Journalisten wir klängen nach Joy Division. Daran sieht man mal, wie so ein Hype funktioniert. Johnny Cash, Ray Charles, The Supremes und Joy Divison. Nachdem die Filme heraus kommen, kennt plötzlich jeder diese Bands und vergleicht sie mit Anderen, wie uns. Wir klingen nicht nach denen und wir werden uns auch nicht selbst umbringen. Etienne ist sogar schon zu alt dafür. Ich wäre der Einzige aus der Band der mit 23 Selbstmord verüben könnte. Aber ich werde es nicht tun.

Etienne: Es überrascht mich mit Joy Division verglichen zu werden, weil wir sie aller höchstens flüchtig kannten, als wir das Album aufnahmen. Wir haben Joy Division erst nach dem Release kennen gelernt! Es ist schon witzig, dieser neue Trend der Musik der 80er, speziell für New Wave und Bands wie Joy Division. Vielleicht wegen Control. Aber wir gehören nicht wirklich zu dieser Musik. Wir haben es nicht darauf angelegt so zu klingen, weil wir fast nichts davon kannten! Wir versuchen auch nicht von irgendeinem Hype zu profitieren. Ich weiß auch nicht, ob er positiv für uns ist. Die Leute könnten sagen: ‚Nicht noch so eine Band, die auf der Welle mitschwimmen möchte!’“

Einige meiner Freunde waren irritiert, als sie „L’homme aux os“ zuerst gehört haben. Für die meisten Leute passen die franzäsösische Sprache und Rockmusik einfach nicht zusammen. Was denkt ihr?

Bruno: Dass sie recht haben. Französisch ist keine sehr energische Sprache. Es passt tatsächlich häufig nicht zu Rock’n’Roll. Aber wir sind nicht verbittert, wir versuchen weiterhin französische Songs zu schrieben, einfach weil wir es mögen verrückte Dinge zu tun.

Etienne. Es stimmt schon, die Sprache des Rock ist englisch, nicht französisch. Es ist schwer sie zu verbinden. Nur wenige Bands bekommen das hin, vielleicht Noir Désir. Kennt ihr die? Für uns ist es natürlich auf englisch zu singen, es ist einfach die richtige Sprache dafür. Wir mögen die beiden französischen Songs auf dem Album, denn sie verbinden die beiden Stile Rockabilly und Pop ohne den Anschluss an den Rest des Albums zu verlieren.

Du hast gesagt, Etienne, verglichen mit dem Roman 1984 leben wir in absoluter Freiheit. Aber mit einem Blick auf die Weltwirtschaftskrise zurzeit, fühle ich mich etwas eingeengt durch die Medien, die versuchen die Panik zu schüren, vielleicht so ähnlich wie in dem Buch.

Etienne: Ich habe nicht gesagt, dass wir in absoluter Freiheit leben. Ich sagte, dass alles dafür getan wird, dass wir es glauben. Wir leben in einer Welt die ständig auf ihre Freiheit pocht, das darauf aufgebaut ist, dass jeder die Freiheit besitzt zu tun, was er möchte, ohne Grenzen und mit totaler Verantwortung für sein Schicksal. Gerade jetzt verlieren sich darin mehr und mehr leute. Ständig hören wir in der Werbung: ‚Du bist einzigartig, mache deine eigenen Regeln!“, aber anstatt einzigartig zu sein fühlen sich die Menschen allein. Sie haben Angst vor der Zukunft und ihrer finanziellen Sicherheit – ihrem Job – und riskieren daher nichts mehr. Unsere moderne Gesellschaft ist wie eine unsichtbare Welle, die früher oder später über unseren Köpfen herein bricht. In einer Welt, die dir so viele Möglichkeiten bietet scheinen sich die Leute nicht zurecht zu finden und bleiben in einer gewissen Apartheid gefangen. Wir gehören zur ersten Generation die vielleicht nicht denkt: ‚Die Welt gehört mir!“. Junge Leute haben Angst vor der Welt, Angst zu verlieren. Das ist ziemlich neu, wie ich finde. Dieses Gefühl passt gut zu den Geschichen in Orwells Büchern. Gerade die neusten Ereignisse verstärken die Vergleiche zu den Romanen. Zum Beispiel vor einigen Wochen war dieses seltsame Nato-Treffen in Strasbourg. Ich lebe mitten in der Stadt, wo jede Ecke von Polizeibarrieren abgeriegelt war! Zum Beweis, dass ich hier lebe musste ich meinen Sicherheitsausweis vorzeigen um in meine Wohnung zu kommen. Seltsamstes Kriegsszenario!

Aber 1984 zu heißen bedeutet nicht unsere Welt mit einem totalitären Regime zu vergleichen. Wir sind frei auch wenn es Hindernisse gibt, wie überall. Wir müssen clever sein, um damit um zu gehen.

1984

24. April – Club Drushba, Halle

25. April – Molotow, Hamburg

26. April – Live Radio KenFM, Potsdam

29. April – Atomic Café, München

30. April – Kleine Freiheit, Osnabrück

1. Mai – White Trash, Berlin

2. Mai – Sweat, Leipzig

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